Heulend brausten die eisigen Winde
Entgegen Berg und Tal.
Sengend brannte wildes Feuer
Heisses Land ganz kahl.
Todbringend umschlang unbändiges Wasser
Die Wesen in unermesslicher Zahl
Bebend schrie die geschundene Erde
Zurück blieb volles Grabesmal
Die Zeiten stummen Friedens
Verflogen wie Blätter im Winde
Die Taten des Mordens und Siegens
Fand den Weg zu jedem Kinde.
Jemand war dem Tod geweiht
In dieser traurigen und schweren Zeit.
Obwohl die Vögel sangen,
In den Türmen die Glocken klangen,
Die Sonn’ beschien das grüne Gras,
Schmetterlinge über bunte Blumen flogen
Und Fische zappelten im kühlen Nass
So war dennoch traurig Gedanken
In all den Herzen der Elven
In der Zeit, die niemand vergass.
Niemand vermochte zu sagen
Was würd’ passieren in der Welt.
Lamenos und Wesrad, die beiden Länder
Zerrissen waren’s, ihre freundschaftlichen Bänder.
Es war eine Zeit des Krieges und der Magie.
Wo führten sie hin, diese schlechten Gedanken?
Jedermann sah zu den Himmelslüften
Zu was flehten sie, während Tod und Verderben
Um sie züngeln?
War’s zu Navu, dem Höchsten
Oder zu irgend and’rem Wesen?
Hier nun in Lamenos, dem Land des Friedens
trat eine aus dem Schatten der Sonne ins Licht,
Die geführt wurde, zu ihrem letzten Gericht.
Eine kleine, zierliche Gestalt,
Weder müde noch ziemlich alt,
Schritt langsam durch den langen Gang,
Während draussen ein Klagelied erklang.
Zu trauern hatten sie alle,
War doch alles verloren, Ehr und Frieden.
Sie blieb stehen und staunte da,
Als sie Irthen auf dem Throne sitzen sah.
Alle Gespräche kamen zum erliegen
Während all die Wolken vertrieben.
So strahlte nun ihr gold’nes Haar,
Bestaunt wurde es von einem Augenpaar
Aber ihr Haar wird sie nicht retten,
Vor den schwarzen Eisenketten.
So stand sie da, als wär’ sie eine Heldin
Um zu ernten grossen Ruhm.
Doch finst’re Gesichter und böse Zungen
Spieh’n nach dieser Frau,
Deren furchtsame Augen blickten zu Boden
Um all dem Hass entgehen zu versuchen.
Rund um sie standen die hohen Elven
Die nun grausam auf sie niedersahen
Denn Nelbithin, des Königs Herold,
Verlas den Richtsspruch für ihre Schuld:
"Hier in der Halle der sieben Sungen
Haben die Ältesten die Strafe bestummen.
Deine Stimme hat dich verraten,
So wissen wir von deinen Taten.
Des Königs Tod hast du gewollt!
...Du hast diesen Mord lange vorbereitet.
Wenn sich seine Flagge entrollt,
Dann wusstest du, dass ihn niemand begleitet
Auf seinem grossen Schiffe.
Im frühen Morgen bist du gekommen
Und hattest ihm das Leben genommen.
Aus achtzehn Wunden schoss das Blut
Als wir ihn tot fanden
Es versengte Holz, als wär’s Glut
So ist er gegangen.
Doch dich fanden wir elend’lich,
Noch ehe der lange Tag verstrich.
All dies soll nun dein Verhängnis sein,
Leben sollst du auf kaltem Stein.
Du musst gehen aus unserem Reich
Und dich waschen im roten Teich.
Auf Kathatas Gebeinen
Musst du so lang verweilen,
Bis er kommen mag, der letzte Tag
Und Kathata wird, zu deinem Grab.
Nun gehe du, Meltha, aus uns’ren Hallen
Trompeten werden für dich erschallen.
Dich begleiten zu deiner Stätte
Wo auf dich wartet eine Kette.
Dass du dort wirst bleiben,
Und nichts mehr böses wirst treiben."
Während des Herolds enschloss’ner Rede
Rang Meltha mit schmerzlichen Tränen,
Denn all die Erinnerungen stürzten sich auf sie
Und keine war schön und keine gut.
Und Meltha sagte, in ihrer Stimme:
"Was hab ich böses getan?!
Ich wollt’ euch retten vor schlimmen Gedanken
Die sich um eure Häupter rankten.
Ich wollt’ weder Kron’ noch Zepter
Noch empor heben unsre stolze Fahn’
Ich wollt’ nur sehen die Freude aller,
Die verloren ging in dies düstrer Zeit.
Ich fragte nicht nach Ruhm und Ehre
Noch nach Geld oder Liebe
Ich aber frag’ euch: Wo blieb Freud’ und Liebe
Friede und Eintracht, Vertrauen und Stärke
Als mein Opfer hatte den Thron für sich?
Zerbrochen liegt alles da, dem Glase gleich
Was vorher geschaffen war, fest verankert.
Wo ist Ordnung, wo ist Macht! Zeigt sie mir!
Richtig handelt ihr in eurem Sinne,
Denn Mord gehört bestraft wie Verrat.
Doch keine Tat, sei sie auch noch so schwer
Darf so grässlich sein wie ihr sie sprecht.
Bereut euren Entscheid.
Mein Schmach und meine Schande
Wird bleiben bis ans Ende.
Hässliches habe ich getan
An jenem Morgen in Valleran.
Das Urteil werd ich tragen,
Aber trotzdem nicht verzagen.
Ich werde singen von Tag bis Nacht.
Die Sonne seh’n in all ihrer Pracht.
Ich werde singen von Leid und Schmerz,
Das wiederhallt von meinem Herz.
Traurig bin ich und ich habe Angst
Vor dem, was mich erwartet,
Denn nichts ist mir gestattet
Ausser der Tod und die Verbannung.
Es schmerzt mich, mein Leben
Der Insel Kathata hinzugeben.
Wo mich ihre Gegenwart in die Knie zwingt
Und alles Böse in mich eindringt.
Dann, wenn es denn sein muss
führet mich hin zum kleinen Eiland!
Ich bin bereit, ich reich euch die Hand
Damit ihr mich halten könnt,
...Und mir keine Freiheit gönnt."
Durch Melthas Flehen entschwand Hass aus der Halle.
Solch traurig Rede rührte hohem Elv das Herz
Denn sie stand da, als wär sie unschuldig und rein,
Nur Verzweifelt ob ihrer Dummheit und Blindheit.
Es schien, als schämten sie sich ihres Entscheides,
Der besiegelte ihren Tod und ihren Schmerz.
Wenngleich sie ihren Mord nicht vergassen,
So schwang doch Mitleid in ihnen.
In diesem Augenblick, als das letzte Wort Melthas verklang
War’s, als fiel alles wie Schuppen von ihren Augen
War’s, als stünde die Wahrheit in ihrer reinsten Form, hier,
Inmitten von klugen Elven und noch weis’rem König,
Um sie alle zu tadeln und zu warnen vor grossem Leid.
Der König erhob sich von seinem Throne, sichtlich schwer,
Denn auch ihm pochte mörd’risch das Herz
Er trat hin zu Meltha, die wieder stand in hellem Lichte.
Nun fragend Gesichte dem König zugewandt,
Der prüfend ihre Gestalt betrachtete.
IRTHEN: Sag, was rätst du mir? Soll ich dich minder bestrafen,
Nun, wo sich die Ältesten in den sieben Sungen trafen?
Meltha schlug ihre Augen nieder, sichtlich betroffen,
Als sich beider Augen hatten getroffen.
MELTHA: Es liegt nicht in meiner Hand, euch zu beraten.
Ich, die euer geliebtes Volk hat’ verraten.
IRTHEN: Dann wird’s besiegelt, das Urteil, durch mein letztes Wort,
Das ich hier spreche und dem alle Zeugen sind, die hier steh’n.
Ich mag’s jedem verzeihen, der es jetzt bewegt, zu geh’n,
Denn durch seine Anwesenheit, trägt auch er Verantwortung.
So höre Meltha, Kind von Lerlon! Das Urteil hat Geltung!
Wie ein Beil fiel dies letzte Wort in der Halle des Lebens
Und zitternd sank Meltha nieder und schluchzte,
Dass alle ihre Häupter deckten ausser der König.
MELTHA: …Wieso kehrst du mir den Rücken?
Sieh mir in die Augen, Irthen!
Sieh, wie sie mich niederdrücken.
Sieh, was du getan!
Sie hielt des Königs Saum, verkrampfte und zuckte,
Doch nichts mehr half, alles war vergebens.
IRTHEN: So weine nicht, Meltha, mein Kind
denn wir alle, die traurig sind
über deine schreckliche Tat und deinen Mut
weinen schon genug und das ist gut.
Du erzähltest uns von deinem Grund, der dich bewegte,
Zu vollführen den grässlich Königsmord.
Es mag stimmen, deine Verzweiflung über unser Land.
Doch auch wenn es denn so ist, wie du sagst,
So darf und kann ich nicht diesen Entscheid widerrufen.
So lasse geschehen, was nicht verhindert werden kann
Und ertrage unseren Bann.
MELTHA: O du Grausamer!
IRTHEN: Ich Barmherziger!
MELTHA: Törichter!... Du kennst keine Gnade...
Wen setztet ihr da auf den Throne?!
Stille
So wurden ihr die Hände gebunden
Ohne Widerstand und ohne Gnade.
Sie schrie verzweifelt in den sieben Sungen.
So brachte man sie an die weissen Gestade.
Sie wurde gebracht auf ein weisses Schiff,
Das auf sie wartete, im kleinen Riff.
Sie ging kraftlos und traurig an Bord;
Ihr nach aber folgte kein Wort.
Ausser der frische Klang von weither,
Der hinübertrieb bis übers Meer.
Dies war das letzte, was sie hörte von ganz weit,
Bis auch dies war irgendwann Vergangenheit.
Und sie sich nur noch vage daran erinnerte
Dies aber gleichwohl ihre Qual verringerte.
Das Schiff entfernte sich, leis und schnell,
Während die Sonne schien, warm und hell
Auf lieblich Land hinab, das so schuldlos da lag
Als schliefe es friedlich einen langen Schlaf,
Um zu vergessen, was soeben gescheh’n.
Meltha verfluchte aber diesen heutigen Tag,
Der ihr leben änderte mit einem Schlag.
Sie hielt den traur’gen Blick dem Osten zugewandt.
Dem Orte zu, nach dem ihre Seele hat verlangt.
Sie hoffte
Einmal wiederzukehren von jenem Ort,
Der genannt wird "Todeshort".
Um zu wandern durch Pass und Tal,
Wandeln über üppig blühend’ Wiesen,
Denn wohin sie kam war alles kahl,
Dorthin, wo die Todeswinde blasen.
Sie wollte lachen und reden
Über Sterben und Leben,
Über die Schönheit dieser Welt,
Die schlummerte unter Himmelszelt.
Oh, was nun sie erkannte auf hoher See
Was von ihr ging, langsam wie schmelzender Schnee.
Wollte sie doch bleiben im Schatten der Bäume.
Was bald nur noch waren ersehnte Träume.
Nun verschwammen alle Felder und Städte,
Die sie gerne noch einmal gesehen hätte.
All die Schmetterlinge und Berge
Entzogen sich ihres Blickes gerne.
Nie hatte sie den Tod des Königs bereut.
Sie hatte sich sogar an ihm erfreut.
Denn Gutes sah sie darin, dass sie ihn mordete.
Doch für welchen Preis?
Wenn trotzdem ihr Land loderte
Vor Krieg und Zwietracht, der ward gesäht
Von böser Hand und blinder Wut,
Um zu vernichten, was in seine Hand gerät
Und es zermalmt in feuriger Glut.
Tränen flossen ihr über die zarten Wangen
Und zog eine Spur, feurig heiss.
Grosses Unheil ward dem Volke wiederfahren,
Als zerrte es jetzt an Melthas Haaren,
Um alles aus ihr auszutreiben,
Was sie gelernt hat zu lieben.
Es war der dritte Tage auf ruhigem Meer.
Alle Elven auf dem Schiff blieben stille
Und auch Melthas Blick war trüb und leer.
Das letzte schien zu sterben: Ihr Wille.
Immer näher kamen sie dem dunklen Land,
Sie konnt’s schon spüren im Traum.
Sie spürte, wie sich um sie legte ein schweres Band,
Um sie zu fesseln an kleinen Raum.
Darauf wurd’ die See unruhig und wild
und sie bot ein schreckliches Bild:
Aus dem Wasser empor kam das Land,
Das im Meer stand, wie eine Wand.
Kathata zeigte sich vor ihren Augen
In gewalt’ger Grösse und grossem Schrecken,
Als wollten die Steine an ihren Seelen lecken.
Den Elven wuchs weiter kalter Grauen.
Sie erinnerten sich an Melthas Worte,
Als sie sprach von diesem Orte.
Doch niemand konnte sich dies vorstellen
Wie’s war, wenn mächtig brechen die Wellen,
Wenn die grossen Stürme tobten,
Wenn die Insel schien zu bersten.
Keine Vögel sangen, keine Bäume wuchsen.
Nur Steine, die nach jenen suchen,
Die Abschied nahmen von Freund und Leben,
Um sich der Stille und dem Hunger hinzugeben.
Welch Angst packte da die Elven!
Verzweifelt versuchten sie zu wenden.
Doch starke Wellen trieben sie der Küste zu
Immer näher, wo auf sie wartete, die Totenruh’.
Sie schrien und zerrten an den Tauen.
Das Segel zerriss, es waren Sturmesklauen.
Das Boot zerschellte schliesslich mit Krachen,
Da spitze Steine in das gute Holze stachen.
Nur drei der fünf Elven überlebten den Sturm.
Eine war Meltha, müd und geschwächt.
Ratlos lagen sie da, an steiner’m Strand
Mit wenig Trinken und wenig Essen.
So waren sie alle gefangen wie in einem Turm
Und niemand wird davon wissen.
Die beiden Elven nun packten Melthas Gelenke
Und zerrten sie auf den Gipfel .
Zu erfüllen hatten sie den Schwur
Meltha zu binden nur.
Auch wenn dies sie nicht vor dem eig’nen Tod rettete,
So erfüllten sie des Rates Wunsch.
Wolken türmten sich,
Winde erhoben sich,
Wellen erhöhten sich,
Donner rollte, Blitz folgte,
Während Meltha ihrem Kerker näher kam.
Sie stiegen hinauf, Stufen um Stufen.
Meltha wehrte sich und schrie
Und wie zur Antwort hörten sie einen Vogel rufen,
Als verstünde er, was hier geschah
Liess er sich nieder ganz nah.
Eisig kalt und furchtlos stachen seine Augen
Hinab auf die drei kleinen Gestalten,
Die sich mühten hinauf zur Spitze.
Der Vogel schrie ein zweites Mal;
Es war Kathatas letzter Wärter,
Der da beschützte, den offnen Kerker.
Meltha nun wurde gebunden
In diesen rauhen Stunden
Mit den starken Ketten von Nivalta,
Die geschmiedet waren auf Kathata.
Sie waren befestigt am grössten Stein.
An den Stein jedwedem längster Pein.
Als dies schlimme Werk ward vollbracht
Brach herein, vollkomm’ne Nacht.
Die beiden Elven kehrten zurück zum Strand,
Um zu essen von ihrem kleinen Vorratsstand.
Wie Meltha vor allen versprochen,
Hatte sie ihr Wort nicht gebrochen.
Mit den Ketten um den Händen und den Füssen
Begann sie zu singen in den Wind.
Zuerst scheu wie ein kleines Kind,
Dann kräftiger und mutiger,
Wie der eine ihrer Krieger.
Da schrie der Vogel wieder, als wollt’ er’s begrüssen
Die Kraft, die in Meltha innewohnte
Wie sie über alles thronte.
Ihre Stimme erhob sich über Tosen und Brausen
Und weg verschwand das erste Grausen.
MELTHA: Nun sitz ich darnieder im weiten Meer,
bald frage ich: Wo komme ich her?
So tief ist mein Schmerz und mein Schmach,
Wird’ ich verstanden in meiner Trauer hernach?
So viel Leid und Gräuel ist in uns’rer Welt,
Jeder tötet, wie es ihm gefällt.
Ich musst’ verlassen mein Gemahl und mein Kind,
Nun schreie ich zu euch in den Wind:
Wo seid ihr, helft mir!
Wie ich es tat bei dir!
Kommt mir Hilfe entgegen
Oder muss ich sie erflehen?
Wie darf ich Liebe erfahren,
Damit ich es kann ertragen
Den Bann und Fluch"
Der Tag kam schleichend und still,
Als gäbe es niemanden, der ihn verändern will.
Doch wieder begann Meltha zu singen.
Jetzt, wo sie die Sonn’ wiedersah:
"Oh! Ich träume von schönen Orten,
Die ich beschreibe mit meinen Worten:
Da! Da steh ich im Felde
Inmitten von Blumen, die sich üppig entfalten,
Wo nun zu mir kommen geflügelte Gestalten.
Auf weissen Rössern fliegen sie geschwind,
Während weht ein sanfter Wind,
Der spielt mit den goldnen Haaren,
Damit sie erscheinen seltsam erhaben.
Die Sonne scheint auf all das Liebe,
Was ich seh’ in meinem Triebe.
Es ist so schön, all diese Dinge.
Neben mir quillt das Wasser fröhlich,
Es raschelt in den Bäumen Wipfeln
Und es schneit auf den Bergen Gipfeln,
...So bin ich als einzige untröstlich.
Ich nahm auf mich diese Last,
Wofür mich jetzt jeder hasst.
War’s ich doch, der den König hat erschlagen,
Um dann zu hoffen auf besser Tagen.
So seh ich nun in meinen Träumen
Dinge, auf die ich muss verzichten.
Ahorn, Eschen, Erlen und Fichten
Schmetterlinge, Hirsche, Haas und Reh
Ich glaub nicht, dass ich sie wiederseh.
Genauso vermisse ich das schreien der Möwen
Und das mächtige Brüllen des silbernen Löwen
Auf dem Feld und unter Bäumen,
Auf dem Wasser und an der Küste,
Ja dort, wo es mich hingelüste.
STIMMEN: Schleichend kommt Wahnsinn
Schleichend kommt der Tod.
Dich umgarnen sie mit Leichtsinn,
Ihre Farbe ist blutig rot.
MELTHA: Wer da?! Wer unterbricht mich
Und bohrt sich in mein Lied wie ein Messerstich?
STIMMEN: Wir holen Licht und Leben
MELTHA: Wer seid ihr?
STIMMEN: Nach Ruhm streben...
MELTHA: ...wer will mir...
STIMMEN: ...bringt Tod und Verderben
MELTHA: Ruhe! Seid endlich stille...
STIMME: Nicht weinen. S’ist unser Wille,
Ob unsere Opfer lachen oder darben.
MELTHA: Geht weg, ihr bösen Zungen.
STIMMEN: Hörst du die Wahrheit rufen?
MELTHA: Ob Wahrheit oder Lüge
Niemand wird’s erfahren.
STIMMEN: Nichts ist sicher.
MELTHA: Wohin zieht’s euch?
...Ich...ich höre sie nicht mehr.
Verwirrt bin ich, fühl mich nackt und leer,
Als wär ich nur noch Rauch.
Kalt wurde es darauf in Melthas Leib
Auf der Bergeshöh’
MELTHA: Es ist, als liege alles verborgen im Schleier.
Ich will nicht sehen Knochen und Aas,
Das um mir ist, mein ständiger Begleiter.
Ich will wieder gehen auf saftiggrünem Gras,
Aber ich seh nur gebrochne Leiber.
Er verfolgt mich, Nacht für Nacht
Toter Körper der lacht und lacht
Ich kann nicht schlafen, ich seh sein Gesicht.
...Geh weg, ich will dich nicht!
Aber er bleibt hängen an unsichtbare Taue.
Ich ringe um mein Leben und meine Würde,
Obwohl ich trage eine schwere Bürde.
Da! Da seh ich sie wieder auf ihren Rössern,
Reiten hin zu ihren weissen Schlössern,
Um mich zu befreien aus eiserner Klaue.
Doch da kommt Rauch und Flammen
Vernichtend aus dem Erdenboden.
Als wollt’ diese sie verdammen
Aus meiner Hoffnung und meinen Gedanken.
Die Zerstörungen, die sich um die Schlösser ranken
Und umschlingen die geflügelten Gestalten,
Bringt meine Retter in starkes Wanken.
Die Flammen erdrücken, wie gefährliche Schlangen
Während aus ihren Kehlen Freudenschreie drangen,
Bis der Himmel sie mit Regen übergross
Und verschwand alles, Schloss und Tross.
Ich frage in meiner Lage:
Wo bleibt Vergebung meiner Tat?
Als ich zu diesem einen hintrat
Und ihm sagte: Gewalt ruft Gewalt
Und dies in seiner schrecklichsten Gestalt.
Soll es auch in uns’ren Hallen sein,
Die zuvor war sauber und rein?
Nie mehr wieder sah ich jenen Mann,
Der mir auferlegt hat diesen Bann.
Oh weh, wie lange verweil ich schon hier,
Keine Antwort erklingt zu mir!
Jahr um Jahr hungere ich
Und erwarte sehnlichst den Todesstich.
Vergebens werd ich warten
Auf dem steinernen Garten.
Es geht mir dem Ende zu
Bald habe ich gefunden, ew’ge Ruh."
Während Meltha sang ihrem Tode entgegen,
Wurde ihr eben doch vergeben.
Aber nicht von diesem Manne
Von dem sie träumte lange,
Sondern von dem Elven am grossen Strand,
Der traurig war und ihre Worte verstand.
Lange war er in ihrem Lied gefangen,
Sein Bruder derweil nach hause drang.
Er blieb aber und hörte zu,
Wie sie sang in aller Ruh.
Um zu sehen, was geschah
Auf der Insel Kathata.
Vor Leid und Schmerz fast umgekommen
Hatte er gebrochnes Holz genommen,
Um zurückzufahren und zu verkünden,
Sie freizusprechen von ihren Sünden.
Mit Seil und Beil, Schwert und Brett
Zimmerte er sich ein kleines Bett,
Damit er darauf liegen konnte
Wenn er übers Meer schwimmen wollte.
Doch Melthas Stimme, zuvor schön und rein,
Veränderte sich mit ihrer Pein.
Wenn sie sang von Stund zu Stund
Bekam sie einen trocknen Mund.
Daher wurd’ sie falsch und hässlich,
Aber dies störte sie nicht.
Doch auch ihr Körper verblich,
Denn sie bekam kein Gericht.
Obwohl sie anhatte ein weisses Kleid
Fühlte sie sich dennoch nackt.
Der Elv sah dies und es tat ihm Leid,
Aber er war gebunden an einen Pakt,
Sodass er ihr nicht helfen durfte.
Aber trotz dieser Schwäche sang sie weiter
Von des Welten Untergang
Und vom Mann, der alle Fische fang.
Von verdorrten Bäumen und geschund’ner Erde,
Auf dass die Welt verdorben werde.
Von erstarrten Elven und verlornen Sitten
Und sie alle zuerst tausend Kriege bestritten.
Sollen sie untergehn in Schand und Qual
Um weiterzuleben im kargsten Tal.
MELTHA: Kommet hervor, ihr Totenkrieger früherer Zeit
und seht der Elven Grausamkeit.
Steiget hinauf, aus dem tiefsten Grund,
Den wir nennen: Totenschlund.
Besieget die Törichten und Kriegstreiber,
Zerfetzt und zerstört ihre gebroch’nen Leiber.
Ziehet sie hinab in ew’ge Dunkelheit,
Wo kein Licht und kein Schatten haust.
Gebt ihnen das letzte grausame Geleit,
Damit’s ihnen in der Seele graust!
Zerbrechen soll der königliche Stab
Mit Fäusten und Waffen.
Oh, ihr Treulosen findet das Grab
Und werdet hinraffen!
Über sie soll kommen Tod und Verderben
Und zerschmettert ihre schwachen Erben!
So greift an mit wutentbrannter Seele,
Tobend und vernichtend,
Dass der Verräter von mir Gnade erflehe,
Damit’s hat ein End!"
Meltha sang weiter auf dem Gipfel ihres Reiches.
Als die Elven hörten diese Worte
An diesem schrecklichsten aller Orte
Riefen sie, sie solle aufhören,
Bevor sie beide den Verstand verlören.
Aber Meltha sang weiter in hässlichen Tönen,
Die in den Ohren der Elven wiederdröhnten.
So stürzte sich einer der zwei ins Meer
Und gesehen ward er nimmermehr.
Der letzte, der ward geblieben
Wollte eben vondannen ziehen.
Er sprach zu Meltha:
"Spar’ deine Kraft für bess’re Zeiten,
Denn ich hab’ vor, dich heim zu geleiten.
Für kurze Zeit besann sich Meltha und liess ab vom Lied
Blickte zum mag’ren Elven auf und hob ein Glied:
"Ist’s Hilfe, was ich höre in meinen Ohren
Oder hab’ ich bereits alles verloren?
Ich will weitersingen, mein lieber Elv
Aber wenn du kannst, dann hilf!
Ich werd’ nimmer auf dich warten
Bis ich den Tod hab erhalten."
Er liess darum Meltha allein
Und mit ihr ihre lange Pein.
Und als das Bett in die See hinaus trieb
War der Gesang das einzige, was Meltha blieb.
Aber diese tötete Baum und Wal,
Die verendeten in grösster Qual.
So starb Meltha nicht allein
In ihrer eig’nen, langen Pein
Denn selbst der Elv, der sie verstand,
Kam nicht zurück mit helfender Hand.
Er flehte zwar vor höchstem Gericht,
Bekam gleichwohl die Hilfe nicht.
Aber dennoch kehrte er wieder mit neuem Schiff,
Das er raubte, vom weissen Riff.
Er wollte zu Meltha hingehen,
Dass sie nicht mehr brauchte zu flehen.
Er stieg aus und eilte hinauf zur Spitze
Über all die kleinen, spitzen Steine.
Es war Sommer und unerträglich die Hitze.
Er rannte, bis er sah Meltha liegen alleine.
Unter seinem Gewand hielt er verborgen
Eine hübsche Klinge ganz lang,
Die er sich teuer musste besorgen.
Plötzlich erstarb der Gesang...
Gebunden an die eiserne Kette,
Formte Meltha ihre letzten Sätze.
Der Elv war an ihrer Seite,
Damit sie nicht allein hinübergleite.
Ihre Stimm’ war nun hell und klar:
"Ich bleib verdammt, immerdar."
by Gortor