Einige ganz persönliche Gedanken zu Herus

Mittelerde – Die Guten und die Bösen.
Eine reine Schwarz-Weiß-Malerei?

und

Tolkien und Rassismus
- Ein Versuch, sich dieser Materie unvoreingenommen zu nähern

Vorbemerkung:Diese beiden Arbeiten verdienen es wirklich, dass man sich mit ihnen auseinandersetzt und sich Gedanken macht, ganz gleich, welchen Standpunkt man zur Problematik vertritt.
Sie beinhalten eine enorme Fleiß- und Gedankenarbeit, denn die Materie ist kompliziert.

Da heißt es, Sekundärliteratur zu „wälzen“, Notizen anzulegen, sie auszuwerten und kritisch zu betrachten und zu sortieren. Bevor man also zum Schreiben kommt, ist eine Menge Vorarbeit zu leisten.
Nun bin ich Heru in doppelter Hinsicht dankbar: Zum ersten dafür, dass sie sich diese Mühe überhaupt gemacht hat, und zum zweiten, dass sie mir das Studium der Sekundärliteratur erspart, die meines Wissens sowieso nur in Englisch erschienen ist, und dessen bin ich nicht so mächtig, dass ich Texte im Original ohne Schwierigkeiten lesen kann.
Ich mache nun den Versuch, beide Arbeiten zu behandeln, denn die Thematik ist ähnlich und überschneidet sich teilweise.


In jahrelanger Ausbildung war ich einst dazu angehalten, beim Lesen literarischer Werke „hinter“ den Text zu schauen, nach dem Motto: „Was will der Dichter/Schriftsteller uns sagen?“
Ich will es gleich vorweg sagen: Ich habe es gehasst...
Ich habe es gehasst, dem Autor/Dichter Gedanken zu unterstellen, die er beim Dichten oder Verfassen vermutlich nie hatte.
Wenn er einen blühenden Baum „bedichtete“, sah ich eben diesen blühenden Baum, und die Botschaft war klar: Ein in Blüte stehender Baum ist wunderschön! Geht mit offenen Augen durch die Natur!
Nie wäre mir etwas anderes in den Sinn gekommen, und so staunte ich oft genug über die Möglichkeiten der Interpretation.

(Es ist mir klar, dass bei gesellschaftskritischen Werken oft anders verfahren werden musste, und dass der Kritik aus verschiedenen Gründen ein „Mäntelchen“ umgehängt werden musste. Doch die Botschaft wird klar, wenn man die gesellschaftlichen Verhältnisse beleuchtet.)

Nun hat ein genialer Mann eine grandiose Geschichte verfasst. Das Werk eines Lebens, das nicht genug zu würdigen ist.
Kaum wird es zum Lieblingsbuch vieler Menschen in aller Herren Länder, melden sich schlaue Leute zu Wort, die sich gern als „Kritiker“ bezeichnen, weil sie „hinter“ die Worte schauen und nach kritikwürdigem Gedankengut suchen.
Und sie werden fündig!

An dieser Stelle schweifen meine Gedanken etwas ab, und zu meiner Belustigung und zu der des Lesers will ich sie gern wiedergeben, denn sie haben zwar nichts mit Tolkien, aber etwas mit der Problematik der Schwarz-Weiß-Malerei und dem Versuch der Interpretation von Werken zu tun... und damit, wie sich manch einer dabei wichtig tut.

Ich bin in einem Staat aufgewachsen, in dem Ideologie eine große Rolle spielte. Also wurden während meiner Ausbildung und während meiner Arbeit alle Werke auf ihren ideologischen Gehalt untersucht und beurteilt.
Schwarz-Weiß-Malerei war an der Tagesordnung, nach dem Motto: Guter Osten – böser Westen.
Hatte man selbst einen Text/Aufsatz zu schreiben, so sollte der immer einen Bezug zur sozialistischen Ideologie haben. Wir nannten das (heimlich kichernd) das „ideologische Schwänzchen“. Also klebten wir diese „Schwänzchen“ an unsere Arbeiten, ob sie passten oder nicht.

In der Praxis sah das dann etwa so aus:
Beschrieb man beispielsweise ein endlos großes Feld, auf dem sich die Halme unter schweren Ähren bogen, hatte man gleichzeitig die Arbeit der Bauern der sozialistischen Genossenschaft zu würdigen. Nur das Feld zu beschreiben, reichte nicht. Man hätte den tieferen Sinn dieses Feldes nicht erkannt!
War es eine Neubausiedlung, dann musste unbedingt auf das sozialistische Wohnungsbauprogramm eingegangen werden, denn hinter diesen neuen Häusern standen unsere fleißigen Bauarbeiter, die man nicht genug rühmen konnte.
Und las man einen Kriminalroman eines entsprechenden Autors, hatte man mit Sicherheit eine Würdigung der Genossen der Deutschen Volkspolizei zu erwarten, mit ihrem Parteisekretär an der Spitze, und allesamt waren hehre Menschen. Eine exzellente „Weiß-malerei“!

Eine Geschichte zu erzählen um der Geschichte willen war nicht möglich. Selbst ein blühender Apfelbaum musste etwas aussagen.

Ich kann mich an ein furchtbares Gemälde erinnern mit dem schönen Titel: „Die Schönheit der Industrielandschaft“. Bei der Interpretation wollte man nun natürlich etwas hören oder lesen über die grandiosen Errungenschaften des sozialistischen Aufbaus. Doch ich sah nur abscheulich qualmende Fabrikschlote, die die Umwelt verpesteten. Doch ich hätte das so nicht wiedergeben dürfen, ohne dass man mir eine Verunglimpfung der arbeitenden Menschen unterstellt hätte.

Wenn es sich um die Interpretation klassischer Werke handelte, lag man ziemlich schief. Doch es wurde interpretiert und zurechtgebogen, was das Zeug hielt und, wo es nicht passte, eben passend gemacht.
Natürlich konnte man einem klassischen Werk nicht „sozialistisches“ Gedankengut unterstellen. Da sprach man dann von „fortschrittlichen“ Gedanken, praktisch als Vorreiter.


Verzeiht mir diese Abschweifung, doch diese Gedanken drängen sich mir geradezu auf, wenn es um Interpretation von Kunst und Literatur geht.

Was ich mit meinem Exkurs in die Vergangenheit sagen will, ist folgendes: Zu jeder Zeit und zu jedem Werk findet sich jemand, der einen „tieferen Sinn“ entdecken will.
So auch hier bei Tolkien.
Es werden Dinge herausgepickt, die unbedingt näher beleuchtet werden müssen, und dann glaubt einer, er hätte den Stein der Weisen gefunden. Er trägt es in die Öffentlichkeit, macht sich wichtig und findet Anhänger und Gegner, und die erbittertste Diskussion ist im Gange. Doch ich bezweifle, dass diese Diskussion lohnt.

Heru hat es schon ausgeführt - und auch ich bin überzeugt davon – dass Tolkien „nur“ eine Geschichte schreiben wollte. Vehement würde er sich dagegen wehren, stellte man gesellschaftliche Bezüge her, in welcher Form auch immer.
Verfechter des Vorwurfs der Schwarz-Weiß-Malerei und des Rassismus sollten das Werk „Der Herr der Ringe“ gründlich lesen, dann würden sie die feinen Nuancen erkennen.

Ich will Heru hier nicht wiederholen, sie hat in ihren Arbeiten schon alles gesagt:
Das Hässliche ist nicht immer böse und das Böse nicht immer hässlich. (Wie im wirklichen Leben!)
Schwarz-Weiß-Malerei kann ich hier nicht erkennen. Wenn Tolkien einige Figuren überhöht hat, so ist das sein gutes Recht als Autor und bekanntlich ein legitimes stilistisches Mittel. (Das hat Heru, glaub ich, auch schon gesagt...Na gut, sag ich’s eben auch noch mal!)
Wer Schwarz-Weiß-Malerei bester Güte lesen will: s.o..

Nachdem Heru in ihrer Arbeit zum Rassismus die Kriterien dafür herausgearbeitet hat muss ich ihr recht geben: Den Vorwurf muss sich der Meister bis zu einem gewissen Grade gefallen lassen.
Ich schreibe bewusst „bis zu einem gewissen Grade“, weil er das beschreibt, was wir seit unserer frühesten Kindheit schon aus den Märchen gelernt haben: Böses muss bekämpft werden, und manchmal gehört das Böse einer bestimmten Rasse an (z.B. bei der Konstellation schönes Mädchen – böser Zwerg oder liebliche Elfen – böse, hässliche Gnome.)

Es ist also kein Wunder, dass uns rassistisches Gedankengut nicht fremd ist. Das ist auch nicht schlimm, denn wir schaden niemandem, und der gesunde Menschenverstand weist uns - bis auf Ausnahmen, die es leider auch in unserem Land gibt - den richtigen Weg, dass wir von Vorurteilen ablassen können. Schließlich sind wir Menschen...

Ich bin Heru dankbar für die letzten Worte:
„War Tolkien ein Rassist?
Ja, genau in dem Maße, wie wir es auch sind.“



Und mir geht eine Frage seit vielen Jahren nicht aus dem Kopf:

„Ist es naiv eine Geschichte einfach als eine schöne Geschichte zu lieben, ohne nach dem tieferen Sinn zu fragen oder nach möglichen Bezügen zu forschen?“

Ich habe mich früher dagegen gewehrt, hinter jedem Wort und hinter jeder Figur eines Künstlers ein Bekenntnis zu suchen, und ich werde es weiter tun.

Anarya
November 2004


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