Ein paar Gedanken zu Liriels Essay
"Mary Sue" – zu Recht als Geißel der Fanfiction betrachtet?
So, nachdem ich mich endlich mal in Ruhe hinsetzen und lesen konnte, hier meine Ansichten zum Thema Mary Sue aufgrund des oben genannten Essays.
Zunächst aber ein Lob an Dich, Liriel. Ein sehr schöner Text, der sich unvoreingenommen und fundiert mit dem Phänomen Mary Sue und dem was dazu gehört (oder auch nicht unbedingt) auseinander setzt.
Nun zum Eigentlichen ....
Du hast mich ja direkt auf meine Meinung zu Emairth angesprochen, Liriel, und ich will damit auch nicht hinter dem Berg halten. Ich bin nach wie vor geneigt, Deine Hauptfigur auch als Mary Sue zu bezeichnen. Die Betonung liegt dabei auf dem "auch", denn sie ist in erster Linie ein OFC, keine Frage. Darüber brauchen wir uns nicht den Kopf zerbrechen. Aber sie ist – in meinen Augen – eben auch ein Teil Mary Sue. Das ist nicht abwertend gemeint und ich möchte hier zuerst ein Missverständnis ausräumen, so es denn vorhanden ist: ich habe nichts gegen Mary Sues, wenn
- sie sich in das Tolkien'sche Universum einfügen,
- sie mit großer Sorgfalt und Liebe gestaltete Charaktere sind,
- in einer ebensolchen Geschichte vorkommen,
- sie glaubhaft und "menschlich" sind,
- nicht absolut klischeehaft (es sei denn bei einer Parodie) beschrieben werden und agieren,
- ihr Auftauchen nicht nur dem Zweck dient, einem Legolas oder Aragorn etc. eine weibliche Gefährtin zur Seite zu stellen, mit der Sex praktiziert wird (darauf läuft es doch oft hinaus) oder die ganze Geschichte in eine Romanze ausartet, der jeglicher Gehalt fehlt.
Das, worauf ich im Umkehrschluss bei einer Geschichte im allgemeinen Wert lege, ist bei Emairth zur Genüge vorhanden, wie ich Dir vor einer Weile ja auch schon geschrieben habe, Liriel.
Jetzt muss ich ein bisschen ausholen und für mich selbst definieren, was eine MS ist:
- ein weibliches Wesen, das in der Regel durch mehr oder weniger geschickt erdachte Umstände in Mittelerde landet (oder vielleicht schon dort und dennoch nicht heimisch ist, weil schlicht und ergreifend kein Tolkien-Charakter) und (zumeist den bekannten) Protagonisten begegnet und mit ihnen Abenteuer besteht, liebt und leidet,
- dieses weibliche Wesen zeichnet sich durch all die Merkmale aus, die im richtigen Leben wohl kaum in einer Person vereint sind (Intelligenz, Schönheit, Mut, Kunstfertigkeit in jeder Beziehung und und und).
Das zu den Äußerlichkeiten, also dem, was der Leser zu sehen bekommt und an dem ich persönlich, grob gesagt, eine MS festmache. Man sieht schon, da kann nur wenig entwischen. *g*
Bei dem Verorten einer MS spielen meines Erachtens jedoch in erster Linie die Wünsche des Autors eine Rolle. Sicher, sie lassen sich nicht immer auf den ersten Blick ergründen (wenn der Autor es geschickt anstellt, gar nicht) oder aber sind so offensichtlich, dass kein Diskussionsbedarf besteht.
Du hast ja von einer MS-Falle geschrieben, in die ein Autor tappen kann, wenn er bei der Charakterisierung nicht aufpasst. Und wenig später von den Wunschvorstellungen eines Autors im Hinblick auf vorhandene Charaktere.
Hier liegt meiner Meinung nach ebenso der Knackpunkt der MS, aber auch eines OFC! Denn beide sind sie das Medium für die Wunschvorstellungen des Autors in seinem Fandom und der Welt, der er sich zugehörig fühlt; in unserem Fall Mittelerde. Dabei kann diese Vorstellung vom Lückenfüller streng im Kanon, über eine unterhaltende Geschichte mit Freiheiten bis hin zu sexuellen Obzessionen gehen. Jeder von uns Schreiberlingen nimmt auf seine Weise an Tolkiens Welt teil, hat seine Vorlieben was Charaktere und Genre angeht, wie Du ja auch anmerkst.
Dabei spielt es für mich weniger eine Rolle ob diese Wunscherfüllung über einen OFC oder (wenn wir die beiden strikt trennen wollen) eine MS geschieht, als die Tatsache, dass der Autor sich überhaupt eines selbsterfundenen Charakters bedient.
Womit wir bei der self-insertion wären. Ich fürchte, ich selber kann da nicht so sehr mitreden, denn zum einem tummeln sich in meinen Geschichten eher die kanonischen Charaktere und zum anderen sollte man mir dann besser aus dem Weg gehen, damit ich nicht mein Morgul-Messer hervorhole, wenn mir was nicht passt. Kurz gesagt, ich hoffe doch sehr, dass die Nazgûl, Sauron oder auch Gollum in meinen Geschichten keine self-insertion-Züge tragen. ;)
Aber auch Elrond oder Faramir sollten die nicht haben, denn bei allem Spaß, den ich dabei empfinde, mich in die Charaktere hineinzudenken, ich bleibe immer in einer gewissen Distanz, orientiere mich zwar an mir, indem ich mich frage, wie ich in bestimmten Situationen handeln würde, versuche aber gleichzeitig, die Charakterisierung die Tolkien seinen Hauptfiguren gegeben hat nicht aus den Augen zu verlieren. Bei den Nebenfiguren erlaube ich mir mehr Freiheiten; aber auch immer aus der besagten Distanz heraus.
Die Originalcharaktere aus meiner Feder tragen vermutlich einige persönliche Züge, sind aber bis auf ein/zwei Ausnahmen männlich (und insofern wohl ein Phänomen für sich).
Aber zurück zur MS-Frage ...
Wenn ich jetzt meine MS-Definition auf Deine Hauptdarstellerin anwende, komme ich zu folgendem Ergebnis:
- Liriel ist eine Frau aus unserer Welt, die nach Mittelerde gelangt,
- dort trifft sie auf eine Reihe OC, erlebt und entdeckt viele Dinge, in erster Linie ist ihr Schicksal aber mit dem Elronds verbunden.
Was fehlt, sind die klischeehaften Vorzüge wie Allwissenheit, göttliche Schönheit und dergleichen. Aber einen Anteil MS hat Liriel für meine Begriffe, auch wenn sie in erster Linie ein OFC ist.
Denn, Dein OFC gibt mir als Leser das Gefühl, dass er ein alter ego Deiner selbst sein könnte. Allein der Name lässt darauf schließen, dann Dein Interesse an Elrond, dem Du Dich über die FF auf eine andere Art nähern kannst, als mit einer Abhandlung oder faktisch wissenschaftlichen Betrachtung – die sich auf Primär- und Sekundärliteratur zu diesem Charakter stützt –, weil sie Raum für eine "persönliche" Beziehung lässt. Und dass die Beziehung von Elrond und Liriel sehr persönlich ist, wird wohl niemand bestreiten.
Ich hoffe, man kann mir noch folgen.
Eine ähnliche "Beziehung" pflege ich zum Hexenkönig, wenn auch auf eine vielleicht etwas andere Art, weil ich mich beim Schreiben einer FF über ihn direkt in ihn hineinversetzte und in der Regel nicht dem Umweg über einen OFC/eine MS mache; die Geschichte "Liebe, stärker als der Tod" bildet da eine Ausnahme.
Die namenlose Hauptdarstellerin (ein OFC) ist für meine Begriffe zudem eine Variante der Mary Sue, auch wenn ihr die typischen Merkmale fehlen, weil ich sie in erster Linie als "normalen" bzw. "märchenhaften" Charakter darstellen wollte. Aber sie gehört eben nicht nach Mittelerde, ist von mir erfunden und einem Tolkien'schen Charakter an die Seite gestellt worden, einfach, weil ich sie für die Realisierung meiner Idee brauchte (und mal etwas Romantisches schreiben wollte *g*).
Zudem kann ich nicht viel mit weiblichen Charakteren anfangen und meide sie gerne; somit läuft eine MS mir wohl eher selten über den Weg bzw. findet kaum Eingang in meine Geschichten, es sei denn willentlich. Das heißt aber nicht, dass ich mich mit Händen und Füßen gegen eine MS sträube oder gefeit finde.
Das wäre Quatsch und vermessen!
Ich sollte hier wohl auch klarstellen, dass ich einen OFC beileibe nicht in jedem Fall mit einer MS gleichsetzten will, eher ist das Gegenteil der Fall. Aber: MS und OFC können aufeinander treffen und sich ergänzen (um beim Beispiel Emairth zu bleiben, Liriel-Naniel), nebenher existieren oder jede für sich da sein – in allen Variationen. Geschichten mit ihnen finden alle ihre Leser (und vielleicht noch mehr als Geschichten, die nicht mit einem erfundenen weiblichen Charakter aufwarten können).
Dass sich die MS einen so schlechten Ruf eingehandelt hat, liegt wohl in der Hauptsache daran, dass sich die Neulinge auf dem Gebiet der FF gerne zuerst an einer Geschichte versuchen, die sich um die bekannten Themen im Zusammenhang mit einem OFC drehen, und dieser dann in die unsicheren Gewässer der MS abdriftet und auf Grund läuft. Aber es muss ja nicht zwingend so sein (oder so bleiben, wenn der willige Schreiberling übt).
Ich möchte behaupten, dass wir es im Prinzip bei dem Phänomen MS mit einem Definitionsproblem zu tun haben (wie es bei vielen Dingen der Fall ist): es gibt keine allgemein gültige Auffassung von dem, was eine MS ist.
Es sind bestenfalls Definitionsversuche, die sich mal ernsthaft, mal mit einem Augenzwinkern oder gar polemisch der MS widmen. Wir begegnen bei einem Großteil der MS-Geschichten einem Konglomerat von OFC (die Männer dürfen wir auch nicht vergessen, obwohl Larry Stues doch mit der Lupe zu suchen sind), self insertion und Merkmalen, die einer MS zugeschrieben werden.
Wie im einzelnen die Schwerpunktsetzung ausfällt, hängt schlicht mit den Vorlieben der Autoren zusammen. Niemand kann sich nach meiner Auffassung konsequent und für immer dem Lockruf der MS entziehen.
Was er mit ihr anstellt, steht dann aber auf einem anderen Blatt. ;)
Heru im Februar 2005