Die Schwarze Sprache
Unzweifelhaft eine der sprachlichen Kreationen, die selbst ihrem Schöpfer - Tolkien - keine Freude
bereitete. Er mochte sie nicht, und das scheint ein Hauptgrund dafür zu sein, dass nur wenige Worte in
seinem Gesamtwerk zu finden sind - von vollständigen Sätzen ganz zu schweigen.1
Einzig die Inschrift des Einen Ringes wirft ein Licht auf die Eigenheiten der Schwarzen Sprache in ihrer
unverfälschten Form.
Doch bevor wir uns dem mageren Vokabular widmen, soll ein kurzer Abriss über die Entwicklung
dieser Sprache des Bösen folgen; sowohl was die Werke Tolkiens angeht, als auch was die "reale" Entwicklung betrifft.
Die Erfindung der Schwarzen Sprache wird Sauron zugeschrieben. Er schuf sie - sicherlich nicht vollkommen ohne einen
Bezug zu den schon existierenden Sprachen Mittelerdes - im Zweiten Zeitalter in den Dunklen Jahren kurz bevor er die
Elben Eregions mit Krieg überzog.
Sie sollte einer einheitlichen Verständigung unter seinen vielfältigen Untergebenen
und Sklaven dienen. Augenscheinlich ist ihm dieses Vorhaben aber nicht geglückt.2
Fakt ist jedoch, dass die Schwarze Sprache im Dritten Zeitalter in ihrer ursprünglichen Form nur noch von
Saurons engsten Vertrauten als Zeremonial- und Hochsprache verwendet wurde.3
Die Bedeutung der Worte war den Weisen Mittelerdes geläufig; namentlich Gandalf vermochte sie auch zu sprechen. Er scheute sich
nicht es zu tun, um die Gefahr deutlich zu machen, die der Eine Ring und Sauron für Mittelerde darstellten.4
Die Nazgûl verständigten sich vielleicht untereinander durch die Schwarze Sprache - ihre Schreie
trugen Worte über weite Entfernungen, und ängstigten diejenigen, die sie hörten. Ob dies zu einem Teil an der Verwendung
der Schwarzen Sprache lag oder im Wesen der Nazgûl selbst begründet war und somit überhaupt nicht auf die
Sprache Saurons zurückzuführen ist, muss wohl Spekulation bleiben. Auch ist nicht belegt, wie Sauron sich mit den
Nazgûl verständigte - eine rein gedankliche Verbindnung (durch die Ringe) dürfte am wahrscheinlichsten
gewesen sein.
Nach dem endgültigen Dahinscheiden Saurons und seiner Diener wird die Schwarze Sprache als "lebendige"
Sprache ihre (ohnehin geringe) Bedeutung verloren haben, denn neben den Nazgûl vergingen auch die Olog-hai, die sich
der Schwarzen Sprache bedienten, weil sie keine andere kannten. Das Wissen über die Schwarze Sprache wird meines
Erachtens aber fortbestanden haben.
Von Tolkiens Werken zu Tolkien selbst ...
Es gibt leider nur sehr wenige Kommentare von ihm, die die Schwarze Sprache
betreffen. In seinen Briefen erfährt man ein paar Kleinigkeiten; so zum Beispiel, dass für das Wort "nazg" das
Gälische (eine Unterart des Keltischen) Pate gestanden haben könnte (sic!).5
Auch die maßgebliche Sekundärliteratur (die History of Middle-earth) bringt soweit ich es bis jetzt überblicken
konnte nichts hervor, was die Hintergründe und Tolkiens Intention bei der Ersinnung der Schwarzen Sprache eingehend
beleuchtet.
Selbst der Zeitpunkt der Enstehung muss im Dunkel bleiben.
***
Die Inschrift des Ringes
Wenden wir uns deshalb der Inschrift des Ringes zu und machen uns an eine Übersetzung, die dem Original möglichst nahe
kommt.
Eins vorweg ... Ich erlaube mir hier durchaus zu interpretieren, und meine Versionen müssen nicht mit dem übereinstimmen,
was sich im Internet zur Schwarzen Sprache so alles finden lässt. (Hat da überhaupt jemand den
"Hier-ist-die-korrekte-Version-Bonus"?) Ich bin unvoreingenommen an die Sache herangegangen und denke,
dass es legitim ist zu variieren. Immerhin kommt ja niemand in die Verlegenheit mit Sauron zu verhandeln (und in Schwierigkeiten, weil
das Vokabular hier nicht einhundertprozentig stimmt *eg*).
Aber jetzt zur Inschrift des Ringes, die an erster Stelle im Original zitiert wird, sodann in der englischen "Übersetzung" und erst dann
in der deutschen Fassung, denn ein sofortiger Sprung ins Deutsche bringt nicht unbedingt etwas, da hier quasi eine
zweite Übersetzungsstufe greift, die sich schon deutlich vom Englischen abhebt (einfach aus Gründen des Stils, wie uns
die folgende Gegenüberstellung zeigen wird - der Vergleichbarkeit halber am Schluss eine wortwörtliche, etwas holprige deutsche Übersetzung des Englischen).
One Ring to rule them all,
Ein Ring sie zu knechten,
Ein Ring zu beherrschen sie alle,
ash nazg gimbatul,
one Ring to find them,
sie alle zu finden,
ein Ring zu finden sie,
ash nazg thrakatulûk
one Ring to bring them all
ins Dunkel zu treiben
ein Ring zu bringen sie alle,
agh burzum-ishi krimpatul.
and in the Darkness bind them.6
und ewig zu binden.
und in der Dunkelheit binden sie.
Schon auf den ersten Blick lässt sich eine Systematik bei einigen Vokabeln erkennen. So dürfen wir mit Sicherheit sagen, dass
nazg = Ring = Ring
agh = and = und
bedeutet.
Etwas "schwieriger" wird es bei den anderen Wörtern. Ein wenig Kombinieren hilft hier aber
weiter. Vergleichen wir zum Beispiel durbatulûk und
thrakatulûk. Beides sind Wörter mit Nachsilben, die
ich persönlich vom Sprachgefühl her folgendermaßen trennen würde:
thraka - tul - ûk
Wir können weiter kombinieren, dass die Wörter them (sie) und all (alle) enthalten sein müssen. Zuzuordnen wären sie
dem "tul - ûk". Welches Wort jeweils welche Bedeutung hat, verraten uns "krimpatul" und "gimbatul", denn dort finden wir
das "them", nicht jedoch das "all" in der englischen Übersetzung.
Demzufolge wäre
ûk = all = alle
Die Wörter sind nun "auseinandergenommen" und können weiter zugeordnet werden.
gimba = find to = zu finden
thraka = bring to = zu bringen
krimpa = bind to = zu binden
Das "a" wäre in diesem Fall das Äquivalent zur Präposition "to" bzw. "zu", auch wenn es seinem Namen in diesem
Fall keine Ehre macht, da es nicht vor, sondern nach dem Verb steht und das zudem noch als Suffix.
(Im Deutschen finden sich nachgestellte Präpositionen aber auch.)
Bleibt noch "burzum-ishi" übrig ...
Das "burz" begegnet uns in "Lugbúrz" wieder, was Barad-dûr (Sindarin "Dunkler Turm" oder besser "Turm-dunkel/Turm-dunkler")
bedeutet.
"burz" ohne ´ über dem u könnte man dann möglicherweise statt als Adjektiv als Nomen ansehen
und folglich mit "Dunkel" (in der Bedeutung von "das Dunkel") übersetzen.
Das "um" wäre dann eine Nachsilbe in Form von
"-ness" bzw. "-heit" und damit hätte man das Wort "Darkness" (Dunkelheit).
Als letztes das "-ishi" ...
Zumindest das "in" muss sich in diesem Begriff verbergen. Ich tendiere allerdings dazu, auch den Artikel
"the" dort unterzubringen, denn in der englischen Übersetzung ist ja explizit von "in the Darkness" die Rede und nicht von
"in Darkness", was auch möglich gewesen wäre.
Damit haben wir die Ringinschrift "entziffert". Nachfolgend eine
Liste der Wörter die sich daraus ergibt:
agh = and = und
ash = one = ein
burz = dark = (das) Dunkel
durb = rule = herrschen
gimb = find = finden
-ishi = in (the?) = in (der)
krimp = bind = binden
nazg = Ring = Ring
thrak = bring = bringen
tul = them = sie
ûk = all = alle
-um = -ness = -heit
Zur Aussprache hält sich Tolkien außerordentlich bedeckt.
Wir können dem Appendix E des Herrn der Ringe explizit folgendes entnehmen7:
r = Rachen- oder Zäpfchen-r, mit unangenehmem Klang
z = als stimmhaftes s
gh = Rachenreibelaut
kh = ch
Was die anderen Vokale und Konsonanten angeht finden wird nichts, dürfen aber wohl annehmen, dass sie, wie im Appendix E zu den Sprachen im Allgemeinen
angegeben, ausgesprochen wurden - insgesamt wird die Schwarze Sprache als misstönend und bedrohlich beschrieben.
Das Orkische
Die Ursprünge der Okrsprachen sind in den Tagen der Altvorderen zu finden. In Ermangelung einer eigenen Sprache entliehen die Orks
sich Worte aus den anderen Sprachen Mittelerdes, veränderten und entstellten sie, gaben ihnen einen scheußlichen Klang und
nutzten sie zu ebenso scheußlichen Gelegenheiten.
Im Dritten Zeitalter bedienten die Orks sich des Westron, um
Verständigungsschwierigkeiten untereinander aus dem Weg zu gehen, denn das "Orkische" war derart ungeeignet, weil es
- je nach Gruppenzugehörigkeit - mit einem eigenen "Dialekt" gesprochen wurde und so keine Gemeinsamkeiten mehr aufwies.
Dem Westron gaben die Orks allerdings einen ähnlich unschönen Klang wie dem Orkischen.
Wenden wir uns nun dem Wortschatz zu,
der sich aus Primär- und Sekundärliteratur ergibt.
Vorweg sollten zwei Probleme angesprochen werden. Das erste wurde oben schon skizziert: im Prinzip gibt es das
Orkische überhaupt nicht. Das zweite besteht darin, dass uns im Herrn der Ringe und an anderen Stellen eigentlich kein
Orkisch begegnet, sondern eine abgewandelte Form der Schwarzen Sprache. Dennoch behandle ich diese Wörter hier; sie
wurden ja von Orks verwendet, während die klassische Schwarze Sprache Saurons Elite vorbehalten war.
Am bekanntesten dürfte wohl dieser Satz sein:
Im Herrn der Ringe findet sich keine Übersetzung, so dass man sich in der Sekundärliteratur umsehen muss. Im zwölften Band
der History of Middle-earth wird man fündig. Tolkien gibt dem Satz folgende Bedeutung: "Uglúk to the cesspool, sha!
the dungfilth; the great Saruman-fool, skai!"9
Ein nicht
eben netter Fluch, aber eines Orks würdig.
Nehmen wie das Ganze in der bewährten Form auseinander.
"Uglúk to the cesspool, sha! the dungfilth; the great Saruman-fool, skai!"
In die Jauchegrube mit Uglúk, sha!, dreckiger Dung; der große Narr Sarumans, skai!
Uglúk zu der Jauchegrube, sha!, der Dung dreckiger; der große Saruman-Narr, skai!
Ein bisschen Kopfzerbrechen bereitet mir "dungfilth", das scheinbar eine Tolkien'sche Neukreation ist (oder einfach nur
besagt, das Orks auf Grammatik keinen Wert legen). Denn weder Langenscheidt noch Pons weisen das Wort "dungfilth" aus;
während "dung" und "filth" klar sind.
Deshalb ist bei der Übersetzung ins Deutsche ein bisschen Vorsicht geboten.
Aber
betrachten wir nun Wort für Wort.
Uglúk als Eigenname wurde von Tolkien nicht übersetzt. Saruman erklärt sich
von selbst. Auch das "glob" dürfte kein Problem sein, wenn man ihm das "fool/Narr"
zuordnet. "sha!" und "skai!" wurden
wiederum nicht übersetzt, da Tolkien es auch nicht getan hat. Wir können aber mit einiger Sicherheit davon ausgehen, dass es sich
um einen bekräftigenden Ausdruck ähnlich wie das deutsche "Jawohl! oder ein verächtliches "Ha!" handelt.
Augenscheinlich fehlen im "Orkischen" die bestimmtem Artikel. Das "u" kann kein
"the" sein, sonst müsste es laut englischer Übersetzung auch beim "pushdug" und beim "búbhosh" stehen. Demnach wäre das
"u" mit "to" zu übersetzen.
Das Adjektiv "great" sollte logischerweise "búbhosh"
sein. Bei "bagronk" tendiere ich dazu, dass wir es mit einem Wort zu tun haben,
während das "pushdug" meines Erachtens zu trennen ist, denn den
"dungfilth" gibt es so ja nicht, wie wir gesehen haben. Jetzt stellt sich die Frage ob es "push-dug", "pu-shdug" oder
"pushd-ug" sein könnte. Von Silbentrennung und Wortklang her würde ich die erste Variante wählen - aber das ist reine
Spekulation.
Was finden wir noch an Orkisch?
Der Anhang F des Herrn der Ringe (englische Ausgabe, Seite 1105) nennt den Begriff sharku,
der mit "old man" übersetzt ist. Der Kontext legt nahe, dass es sich auch hier um abgewandelte Schwarze Sprache handelt.
An der gleichen Stelle sind auch ghâsh (Feuer) und
snaga (Sklave) erwähnt.
Die Ausbeute zum "Orkischen" fällt also nicht eben groß aus. Halten wir fest:
bagronk = cesspool = Jauchegrube
push = dung = Dung
dug = filth = dreckig
búhosh = great = groß
-glob = fool = Narr
ghâsh = fire = Feuer
sharku = old man = alter Mann
snaga = slave = Sklave
Unser Fazit muss also lauten, dass wir vom originär Orkischen in unseren Beispielfällen gar nicht sprechen können, denn sie alle sind offensichtlich aus der Schwarzen Sprache entommen und abgewandelt worden. Zur Aussprache verweise ich deshalb auf das zur Schwarzen Sprache gesagte.
Heru im Juni 2004/Dezember 2004
1) The letters of J.R.R. Tolkien, HarperCollinsPublishers 1995, p. 422.
Die Orks im Herrn der Ringe sprechen keine "reine" Schwarze Sprache, aber dazu in den nächsten Wochen mehr.
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2) The Lord of the Rings, Appendix F, HarperCollins 1995, p. 1105
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3) Und von den Olog-hai; einer Troll-Art, die von Sauron zum Ende des Dritten Zeitalters gezüchtet worden war.
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4) Die Reaktionen der Anwesenden bei Elronds Rat, wo Gandalf die Ringinschrift zitierte, werfen ein
bezeichnendes Licht auf die Wirkung der Schwarzen Sprache und ihre hässliche Form. So schien es, als verdunkle sich
die Sonne, ein Schauer ergriff die Hörenden, und die Elben bedeckten ihre Ohren, um den harten, drohenden Klang von Gandalfs Stimme nicht
vernehmen zu müssen.
The Lord of ..., VOL I, p. 248.
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5) The letters, p. 384f.
Weitere Textstellen finden sich auf den Seiten 175, 178, 382 und 444.
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6) Wenn man es genau nimmt, dann müsste es eigentlich "and in the Darkness to bind them" heißen. In den Versen davor haben wir immer das Verb mit der Präposition "zu" (to), hier jedoch nicht, was von der "Grammatik" der Schwarzen Sprache her nicht korrekt scheint.
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7) The Lord of ..., Appendix E, p. 1087ff.
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8) The Lord of ..., p. 435.
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9) HoMe Volume 12, The peoples of Middle-earth, HarperCollinsPublishers London 2002, p. 83.
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