Ich lasse ja gerne mal meine Gedanken schweifen und mich auch häufig von den diversen Diskussionen in Foren inspirieren, was den Herrn der Ringe angeht, zudem stolpere ich selber bei diesem Brainstorming immer wieder über interessante – und vor allem polarisierende – Aspekte, die eine nähere Betrachtung verdienen (auch in der Hoffnung, andere aus der Reserve zu locken).
Diesmal war es von allem ein bisschen, was den folgenden Text aus der Taufe gehoben hat (und nicht zuletzt mein schon einige Jahre anhaltendes Bedauern, Geld für einen giftgrünen Buchschuber ausgegeben zu haben, der mich aus meiner Bücherwand hohnlächelnd - im wahrsten Sinne des Wortes - anglotzt).
Na klingelt's?
Aber sicher doch! ;) Deshalb hier meine Meinung zum Thema
Krege versus Carroux?
Oder – die Crux mit der Neuübersetzung
Diesmal hat es also ein ausgemachtes Feindbild der (langjährigen) Fans "erwischt": Die Krege-Übersetzung (für manche sicherlich ein ebenso verhasster Begriff wie Steuererhöhung oder Gesundheitsreform), über die man sich herrlich auslassen kann.
Allerdings möchte ich hier keine reine Schmähschrift bieten, auch wenn ich Beispiele heranziehen werde, die meinen persönlichen Standpunkt untermauern werden. Nur soll es eben nicht in Beleidigungen oder ähnliches ausarten, denn Wolfgang Krege hat den deutschen Fans so manchen großen Gefallen mit seiner Übersetzertätigkeit getan; erinnert sei hier nur an das Silmarillion, das in meinen Augen ganz vorzüglich gelungen ist und den englischen Originaltext wunderbar ins Deutsche übertragen bietet.
Weshalb aber dann dieser "Ausrutscher" in Bezug auf Tolkiens bekanntestes Werk?
Vielleicht ist es sinnvoll hier zunächst einmal Krege selber zu Wort kommen zu lassen, einfach weil die Möglichkeit gegeben ist und man fairerweise auch den "Angeklagten" hören sollte.
In einer kurzen Erläuterung zur neuen Übersetzung heißt es da unter anderem:
"[...] Die Übersetzerin Margaret Carroux hat also an etlichen Stellen die auch aus meiner Sicht richtigen Worte schon gefunden. [...] Dennoch wird der Leser auch ohne peniblen Textvergleich Unterschiede bemerken. Die alte Fassung ist eine getreue Nacherzählung einer fremden Geschichte. Sie gibt den englischen Text im allgemeinen zuverlässig wieder; doch der Ton klingt neutral und gedämpft [...]. Die neue Fassung maßt sich einen Versuch an, die Geschichte so vorzutragen, wie Tolkien es tun würde, wenn er heute, 1999,
schriebe und wenn er sie aus dem Westron gleich ins Deutsche brächte, ohne den Umweg über das Englische." 1
Lassen wir das zunächst ein wenig sacken und wenden uns dem Verlag zu.
Böswillige Zungen sprechen ja gerne davon, dass es eine bloß kommerzielle Entscheidung von Klett-Cotta gewesen sei, den "Herrn der Ringe" in einer Neuübersetzung herauszubringen.
Und es ist tatsächlich schwerlich von der Hand zu weisen ist, dass dieser Aspekt die Hauptrolle gespielt hat; immerhin stand die Verfilmung in den Startlöchern und es war zu erwarten, dass sich viele Kinogänger auch am literarischen Stoff würden versuchen wollen, wenn sie es nicht schon getan hatten.
Doch was ist an kommerziellem Denken verwerflich?
Es beschwert sich ja auch kaum jemand darüber, dass Weta – zugegeben - tolle Figuren auf den Markt wirft, die hochgelobt werden (der Preis ist in der Regel ... horrend! Und wer die komplette Sammlung sein eigen nennen will, muss das nötige Kleingeld überhaben), oder dass man den Einen Ring in Gold erwerben kann (Leuchtschrift inbegriffen - ohne sich Gedanken darüber zu machen, was man denn da bei sich trägt bzw. was es ausdrückt!), von Trinkbechern und anderen Kinkerlitzchen ganz zu schweigen.
Oder nehmen wir Peter Jackson ...
Der Kniff mit den Special Extended Editions wird sicherlich nicht nur aus reinem künstlerischen Aspekt erfolgt sein.
Was ist denn in all diesen Fällen das Motiv?
Den Fans eine Freude zu bereiten?
Ich spare mir die Antwort (und gebe im gleichen Atemzug zu gegen einige Verlockungen auch nicht gefeit zu sein; im vollen Bewusstsein, dass nun wirklich nicht mein Seelenheil davon abhängt, dieses oder jenes Buch oder die erwähnten SEEs zu besitzen).
Wir haben es also mit Kommerz (knallhart gesagt) und dem Versuch Kreges zu tun, eine neue, modernisierte Fassung zu bieten, die den Verhältnissen an der Schwelle zum 21. Jahrhundert (und darüber hinaus) angepasst ist. Aus diesem Blickwinkel betrachtet kann dem Übersetzer kein Vorwurf gemacht werden, denn modern ist die neue Übersetzung des Herrn der Ringe ohne Zweifel an vielen Stellen.
Aber genau das ist auch der Knackpunkt. Wo Krege Carroux einen neutralen Ton vorwirft, schießt er über das Ziel hinaus, was die weiter unten folgenden Beispiele deutlich machen werden. Zudem kann ich persönlich in der alten Übersetzung nichts Gedämpftes (sollte es vielleicht sogar "Langweiliges" heißen?) entdecken. Der altertümliche Stil kommt Tolkien meines Erachtens nahe genug und trifft das Original allemal besser, als unsere aktuelle Ausdrucksweise. Aber wie heißt es so schön (und wird auch mit Vorliebe praktiziert): mit dem Zeitgeist gehen.
Als Beleg sei hier nur das unsägliche "Chef" angeführt.
"Herr" (verstanden als Bezeichnung eines Höhergestellten und nicht wie
im allgemeinen höflichen Sprachgebrauch in der Form von Herr Meier oder
Herr Schulze) darf in Zeiten der political correctness wohl nicht mehr gesagt werden,
das "Chef" hat da etwas Vertrauteres (seltsamerweise ist Krege nicht konsequent, so dass sich das ein oder andere "Herr" dann doch eingeschlichen hat), und auch "das Balrog" (das Feuerdämon?) erscheint mir mehr als seltsam, hat sich aber eingebürgert, wie viele Fanfictions deutlich machen.
Als Zwischenergebnis halten wir hier also fest: es bleibt uns gar nichts anderes übrig, als die Intentionen des Verlages und des Übersetzers als gegeben hinzunehmen, denn die Stichhaltigkeit der Argumente (Geld verdienen; mit einer neuen Fassung neue – vor allem junge – Leser zu gewinnen) ist kaum von der Hand zu weisen (egal, wie man persönlich dazu stehen mag) und die Übersetzung ist nun mal seit einigen Jahren zu erwerben und vom Buchmarkt nicht mehr wegzudenken.
Das heißt aber nicht, dass uns Fans keine Wahl bleibt – zum Glück – und das wir unsere Carroux-Übersetzung heiß und innig lieben sollten, weil sie es ist, die den sprachlichen Stil und den Geist des Werkes in den meisten Fällen am ehesten trifft. (Um der "Streiterei" komplett aus dem Weg zu gehen, bietet sich natürlich nur der Griff zum Original an; aber auch hier haben wir es letztlich mit einer Übersetzung zu tun, die im Kopf eines jeden nichtenglischsprachigen Lesers vorgeht – deren Qualität hängt dann davon ab, wie gut man in der Schule aufgepasst hat. *g*)
Um zu verdeutlichen, dass Carroux in der Regel enger am "Urtext" ist, folgen daher
einige wenige Vergleiche zwischen dem Original (sprich Tolkien in seiner Muttersprache)
und den beiden Übersetzungen (und meinem Versuch einer eigenen so textnahen Übersetzung wie
möglich, die sich auch daran orientiert, wie ich beim Lesen des Englischen Tolkiens Text
verstehe und die einen Vergleich zwischen Krege – Carroux ermöglichen soll, der nicht nur den Stil
sondern auch den Wortschatz berücksichtigt, der interessanterweise bei beiden Übersetzern vom
Original teilweise doch nicht unerheblich abweicht. In den Fußnoten findet ihr übrigens bei einigen
Textpassagen noch eine zweite Übersetzung von mir, sie ist manchmal ein wenig anders, als die
Vergleichsübersetzung, die sich nicht immer um die deutsche Grammatik schert *g*).
Um nicht willkürlich Textstellen auszuwählen, habe ich mir die herausgepickt, die mir
persönlich immer sehr gefallen haben, bei denen ich eine Gänsehaut bekomme und so weiter und
so fort (ja genau, extrem Nazgûl-lastig zumeist *g*). Ich zitiere allerdings immer nur wenige
Sätze, sonst wird es einfach zuviel des Guten.
Die Zitate sind entnommen:
- The Lord of the Rings, HarperCollinsPublishers, London 1995.
- Der Herr der Ringe, übersetzt von Margaret Carroux, Lizenzausgabe des Deutschen Bücherbundes, Stuttgart, München, ohne Jahr.
- Der Herr der Ringe, übersetzt von Wolfgang Krege, Klett-Cotta, Stuttgart 2000.
Die Seitenangaben finden sich jeweils bei den Zitaten; die Reihenfolge - Krege, Carroux, Tolkien, eigene Übersetzung.
Erstes Buch, Kapitel II: Die Schatten der Vergangenheit
|
Er hielt inne. Dann sagte er langsam und leise: "Dies ist der Herrscherring, der Eine Ring, sie alle zu knechten. Dies ist der Eine Ring, den er vor langer Zeit eingebüßt hat, sehr zum Schaden seiner Macht. Er verlangt nach ihm – aber er darf ihn nicht in die Hand bekommen."
Frodo saß stumm und regungslos da. Furcht schien mit einer Riesenfaust nach ihm zu greifen, wie wenn sich von Osten her eine dunkle Wolke auftürmte, um ihn zu umschlingen. "Was für ein Ring!" stammelte er. "Wie in allen Auen ist er bloß an mich gekommen?" Krege, Seite 76 |
Gandalf hielt inne und sagte dann leise mit dunkler Stimme: "Dies ist der Meister-Ring, der Eine, der alle beherrscht. Dies ist der Eine Ring, den er vor langer Zeit sehr zu Schwächung seiner Macht verloren hat. Er begehrt in unbedingt – aber er darf ihn nicht bekommen.
Frodo saß schweigend und reglos da. Die Furcht schien ihn mit einer riesigen Hand zu packen, wie eine dunkle Wolke, die im Osten aufstieg und sich drohend auftürmte, um sich auf ihn zu stürzen. "Dieser Ring!" stammelte er. "Wie in aller Welt ist er nur zu mir gekommen?" Carroux, Seite 81 |
He paused, and than said slowly in a deep voice: "This is the Master-ring, the One Ring to rule them all. This is the One Ring that he lost many ages ago, to the great weakening of his power. He greatly desires it – but he must not get it."
Frodo sat silent and motionless. Fear seemed to stretch out a vast hand, like a dark cloud rising in the East and looming up to engulf him. "This ring!" he stammered. "How, how on earth did it come to me?" Tolkien, Seite 50 |
Er hielt inne, und dann sagte er langsam und mit tiefer Stimme: "Dies ist der Meister-Ring, der Eine Ring, sie alle zu beherrschen. Dies ist der Eine Ring, den er verloren hat so viele Zeitalter zuvor, zur großen Schwächung seiner Macht. Er begehrt ihn außerordentlich, aber er darf ihn nicht bekommen."
Frodo saß still und bewegungslos. Furcht schien ihre gewaltige Hand auszustrecken, wie eine dunkle Wolke, die sich im Osten zu erheben begann und drohend auftürmte um ihn zu verschlingen. "Dieser Ring!" stammelte er. "Wie, wie um alles in der Welt ist er zu mir gekommen?" eigene Übersetzung 2 |
Erstes Buch, Kapitel XI: Ein Messer im Dunkeln
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Sofort, obwohl alles andere trüb und dunkel blieb, wie es war, erschienen die Gestalten vor ihm in furchtbarer Deutlichkeit. Durch ihre schwarzen Hüllen konnte er hindurchsehen. Es waren fünf lange Kerle: Zwei blieben am Rand der Mulde stehen, drei kamen näher. In ihren bleichen Gesichtern glühten die Augen stechend und gnadenlos. Unter den Mänteln trugen sie lange graue Hemden, auf dem grauen Haar silberne Helme, in den knochigen Händen Schwerter von Stahl. Ihre Blicke trafen und durchbohrten ihn, als sie auf ihn zustürmten. In seiner Verzweiflung zog auch er sein Schwert, und ihm war, als sähe er es rot flackern wie ein brennendes Holzscheit. Zwei von den dreien blieben stehen. Der dritte war größer als alle anderen; sein Haar war lang und schimmernd, und auf dem Helm trug er eine Krone. In der einen Hand hielt er ein langes Schwert, in der anderen ein Messer; und sowohl Messer als auch die Hand, die es hielt,
glommen mit einem fahlen Schein. Er sprang vor und stürzte sich auf Frodo. Krege, Seite 259 |
Obwohl alles wie vorher blieb, düster und dunkel, wurden die Gestalten sofort erschreckend deutlich. Er vermochte unter ihre schwarzen Hüllen zu schauen. Es waren fünf große Gestalten: zwei standen am Rand der Mulde, drei gingen auf ihn zu. In ihren weißen Gesichtern brannten scharfe und gnadenlose Augen; unter ihren Mänteln trugen sie lange graue Gewänder, auf ihren grauen Haaren Helme aus Silber; in ihren hageren Händen hielten sie Schwerter aus Stahl. Ihr Blick fiel auf ihn und durchbohrte ihn, als sie auf ihn zustürzten. Verzweifelt zog auch er sein Schwert, und ihm schien, als flackere es rot wie ein brennendes Holzscheit. Zwei der Gestalten blieben stehen. Der dritte Reiter war größer als die anderen: sein Haar war lang und schimmernd, und auf seinem Helm war eine Krone. In der Hand hielt er ein langes Schwert, in der anderen ein Messer; sowohl das Messer als auch die Hand, die es hielt, schimmerten in einem bleichen Licht.
Er machte einen Satz vorwärts und sprang auf Frodo zu. Carroux, Seite 273 |
Immediatly, though everything else remains as before, dim and dark, the shapes became terribly clear. He was able to see beneath their black wrappings. There were five tall figures: two standing on the lip of the dell, three advancing. In their white faces burned keen and merciles eyes; under their mantles were long grey robes; upon ther grey hairs were helms of silver; in their haggard hands were swords of steel. Their eyes fell on him and piereced him, as they rushed towards him. Desperate, he drew his own sword, and it seemed to him that it flickered red, as if it was a firebrand. Two of the figures halted. The third was taller than the others; his hair was long and gleaming and on his helm was a crown. In one hand he held a long sword, and in the other a knife; both the knife and the hand that held it
glowed with a pale light. He sprang forward and bore down on Frodo. Tolkien, Seite 190 |
Sofort, obwohl alles andere blieb wie zuvor, düster und dunkel, wurden die Gestalten entsetzlich deutlich. Er vermochte unter ihre schwarzen Hüllen zu sehen. Da waren fünf große Gestalten: zwei standen am Rand des kleinen Tales, drei kamen auf ihn zu. In ihren weißen Gesichtern brannten scharfe und gnadenlose Augen; unter ihren Mänteln waren lange graue Roben; auf ihren grauen Haaren waren Helme aus Silber; in ihren hageren Händen waren Schwerter aus Stahl. Ihr Blick fiel auf ihn und durchbohrte ihn, als sie auf ihn zustürzten. Verzweifelt zog er sein eigenes Schwert, und es schien ihm, dass es rot flackere als sei es ein brennendes Holzscheit. Zwei der Gestalten hielten. Der dritte war größer als die anderen; sein Haar war lang und schimmernd und auf seinem Helm war eine Krone. In einer Hand hielt er ein langes Schwert, und in der anderen ein Messer; beides – das Messer und die Hand, die es hielt - leuchtete in einem fahlen Licht.
Er sprang vorwärts und hinab auf Frodo. eigene Übersetzung 3 |
Viertes Buch, Kapitel VIII: Die Treppen von Cirith Ungol
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Aber es war zu spät. Im gleichen Augenblick bebte und wackelte der Fels unter ihren Füßen. Das mächtige polternde Geräusch, lauter als zuvor, erschütterte den Boden und hallte in den Bergen wider. Dann, mit augenversengender Plötzlichkeit, leuchtete ein starker roter Blitz auf. Weit hinter den Bergen im Osten sprang er in den Himmel und färbte die drückenden Wolken scharlachrot. In diesem Tal des Schattens und des kalten Kadaverlichts wirkte er unerträglich grell und brutal. Gipfel und Grate stachen wie Dolche und Sägemesser kohlschwarz in die aufbrausende Flamme aus der Gorgoroth. Dann folgte ein krachender Donnerschlag. Krege, Seite 394 |
Aber es war zu spät. In diesem Augenblick erbebte der Fels und zitterte unter ihnen. Das mächtige rumpelnde Geräusch, lauter als zuvor, dröhnte im Boden und hallte in den Bergen wider. Dann kam mit versengender Plötzlichkeit ein großer roter Blitz. Weit hinter dem östlichen Gebirge fuhr er über den Himmel und färbte die finster drohenden Wolken mit hellem Rot. In diesem Tal des Schattens und des kalten, tödlichen Lichts erschien das unerträglich gewalttätig und heftig. Wie gezackte Dolche hoben sich Felsgipfel und Grate in greller Schwärze von der aufflodernden Flamme in Gorgoroth ab. Dann kam ein gewaltiger Donnerschlag. Carroux, Seite 412 |
But it was to late. At that moment the rock quivered and trembled beneath them. The great rumbling noise, louder than ever before, rolled in the ground and echoed in the mountains. Then with searing suddenness there came a great red flash. Far beyond the eastern mountains it leapt into the sky and splashed the lowering clouds with crimson. In that valley of shadow and cold deathly light it seemed unbearably violent and fierce. Peaks of stone and ridges like notched knives sprang out in staring black against the uprushing flame in Gorgoroth. Then came a great crack of thunder. Tolkien, Seite 690 |
Aber es war zu spät. In diesem Moment bebte und wankte der Fels unter ihnen. Das mächtige rumpelnde Geräusch, lauter als jemals zuvor, rollte im Boden und hallte in den Bergen wider. Dann, mit verbrennender Plötzlichkeit, kam ein großer roter Blitz. Weit hinter den östlichen Bergen sprang er in den Himmel und sprenkelte die düsteren Wolken mit Scharlachrot. In diesem Tal von Schatten und kaltem, tödlichem Licht erschien es unerträglich heftig und wild. Spitzen von Stein und Berggrate wie gezackte Messer aus vollkommenem Schwarz hoben sich gegen die hinaufeilende Flamme in Gorgoroth. Dann kam ein gewaltiger Donnerschlag. eigene Übersetzung |
Fünftes Buch, Kapitel VI :Die Schlacht auf dem Pelennor
|
Auf rappelte sich der schwarze Reiter und stand da vor ihr, baumlang und drohend. Mit einem Hass-Schrei, der wie Gift die Ohren ätzte, ließ er die Keule niedersausen. Ihr Schild zersprang in viele Splitter, ihr Arm war gebrochen, sie stolperte und sank in die Knie. Wie eine Wolke beugte er sich über sie, mit blitzenden Augen, und er hob die Keule zum tödlichen Hieb. Aber plötzlich stolperte auch er,
schrie jämmerlich auf vor Schmerz und schlug ein Loch in den Boden. Krege, Seite 136 f. |
Von dem Kadaver erhob sich der Schwarze Reiter, groß und drohend ragte er über Eowyn auf. Mit einem haßerfüllten Schrei, der wie Gift in den Ohren brannte, ließ er seine Keule niedersausen. Ihr Schild zersplitterte in viele Stücke, und ihr Arm war gebrochen; sie strauchelte und fiel auf die Knie. Wie eine Wolke beugte er sich über sie, und seine Augen funkelten; er hob die Keule, um sie zu töten. Doch plötzlich strauchelte auch er mit einem erbitterten Schmerzensschrei;
sein Hieb verfehlte das Ziel und traf den Boden. Carroux, Seite 145 |
Out of the wreck rose the Black Rider, tall and threatening, towering above her. With a cry of hatred that stung the very ears like venom he let fall his mace. Her shield was shivered in many pieces, and her arm was broken; she stumbled to her knees. He bent over her like a cloud, and his eyes glittered; he raised his mace to kill.
But suddenly he too stumbled forward with a cry of bitter pain, and his stroke
went wide, driving into the ground. Tolkien, Seite 824 |
Von dem Kadaver erhob sich der Schwarze Reiter, groß und bedrohlich, über sie aufragend. Mit einem Schrei des Hasses, der in den Ohren brannte wie Gift, ließ er seine Keule fallen. Ihr Schild zersplitterte in viele Stücke, und ihr Arm war gebrochen; sie strauchelte und sank in die Knie.
Er neigte sich über sie wie eine Wolke, und seine Augen glitzerten; er hob seine Keule, um zu töten.
Aber plötzlich stolperte auch er vorwärts mit einem bitteren Schmerzensschrei;
und sein Hieb ging weit, in den Boden. eigene Übersetzung 4 |
Fünftes Buch, Kapitel X: Das schwarze Tor öffnet sich.
|
"Hat in diesem Haufen einer Vollmacht, mit mir zu verhandeln?" fragte er. "Oder wenigstens genug Verstand, zu begreifen, was ich ihm sage? Jedenfalls nicht du!" sagte er verächtlich grinsend zu Aragorn. "Ein Stück Elbenglas und ein Haufen Gesindel machen noch keinen König.
Ja, was dir da nachläuft, das kann auch jeder Raubritter in den Bergen vorweisen." Krege, Seite 196 |
"Ist hier irgendeiner in diesem wilden Haufen, der ermächtigt ist, mit mir zu verhandeln?" fragte er. "Oder der auch nur Verstand genug hat, um mich zu verstehen? Nicht du wenigstens!" höhnte er und wandte sich voll Verachtung an Aragorn. "Es braucht mehr, um einen König zu machen als ein Stück Elbenglas oder einen Pöbelhaufen wie diesen. Warum?
Jeder Räuber aus den Bergen kann eine ebenso gute Gefolgschaft vorzeigen. Carroux, Seite 209 |
"Is there anyone in this rout with authority to treat with me?" he asked. "Or indeed with wit to understand me? Not thou at least!" he mocked, turning to Aragorn with scorn. "It needs more to make a king than a piece of elvish glass, or a rabble such as this.
Why, any brigand on the hills can show as good a following!" Tolkien, Seite 870 |
"Ist hier irgendeiner in dieser Rotte mit der Befugnis mit mir zu verhandeln?" fragte er. "Oder wenigstens mit Verstand, um mich zu verstehen? Am wenigsten Du!" spottete er, wandte sich zu Aragorn mit Verachtung. "Es braucht mehr um einen König zu machen als ein Stück elbisches Glas, oder einen Pöbelhaufen wie diesen.
Nun, jeder Räuber in den Bergen kann eine solche Gefolgschaft vorzeigen!" eigene Übersetzung 5 |
Das soll wohl genügen.
Was fällt uns bei dieser Gegenüberstellung auf?
Zunächst einmal dies: auch Carroux hat nicht streng wortwörtlich übersetzt, sondern eigenes einfließen lassen. Wie sollte es auch anders sein? Will man eine Geschichte und ihre sprachlichen Besonderheiten in einer anderen Sprache am Leben erhalten, kommt man nicht umhin, sich von der Textvorlage zu lösen, sonst hat man im schlimmsten Fall ein fürchterliches Ergebnis. Aber der Sinn, die sprachlichen Eigenheiten dieser Vorlage sollten erhalten bleiben.
Und hier hat Carroux meiner Ansicht nach in der Regel gute Arbeit geleistet. Sie versteigt sich nicht in unpassenden Begriffen, und findet einen Stil, der der Vorlage gerecht wird; auch wenn er wohl altmodisch genannt werden muss. (Ich bevorzuge hier ganz entschieden den Ausdruck poetisch.)
Krege hingegen – ganz seinem Anspruch entsprechend – modernisiert, dass einen manchmal das Grauen packt. Diese Ausschnitte zeugen nicht so sehr hiervon, aber es tummeln sich in den drei Bänden so nette Ausdrücke wie "Schmerzensgeld" (Gimli zu Haldir) und Ähnliches - ganz zu schweigen von dem hier:
"G wie g...!" riefen sie, und der Alte grinste.6 -, dass sich mit Mittelerde nun wirklich nicht vereinbaren lässt. Moderne Sprache hin oder her – der Zauber geht verloren. Zugegeben: es entsteht etwas anderes; aber ein Klassiker muss bleiben, was er ist – auch in der Übersetzung, die man im Fall des Herrn der Ringe wohl mit Recht ebenfalls als Klassiker bezeichnen kann.
Für das "Unpoetische" haben wir genug Beispiele allein in diesen wenigen Textstellen. So macht Krege aus den Nazgûl "lange Kerle", was eher lächerlich denn bedrohlich wirkt, lässt Saurons Mund höhnisch "grinsen", den Hexenkönig "jämmerlich" schreien, sich aufrappeln und einen "Hass-Schrei" ausstoßen (oh weh, wohl nur um zu zeigen, dass drei S auch mit Bindestrich geschrieben werden können, damit einem die Augen nicht aus dem Kopf kullern). Aus "groß" wird "baumlang", aus "kaltem, tödlichem Licht" wird "Kadaverlicht".
Es mutet schon seltsam an, solche Kontraste zu lesen, denn andererseits übersetzt Krege zum Beispiel den letzten Teil dieses Satzes wortgetreuer als Carroux: "But suddenly he too stumbled forward with a cry of bitter pain, and his stroke went wide, driving into the ground." Das "his stroke went wide" fehlt kurioserweise dann wieder völlig.
Tolkiens Werk hat mit der Neuübersetzung einen ganz anderen Charakter bekommen, es erscheint mir weniger ernsthaft, weniger ... würdevoll. Der Grundtenor ist anders geworden – mir fällt kein besserer Begriff als "flappsig" ein.
Als Fazit bleibt zu ziehen: Alle, die die Carroux-Übersetzung gelesen haben, bleiben tunlichst bei ihr, denn Krege wird diese Leserschaft in der Regel weder befriedigen noch überzeugen, weil die Neuübersetzung eine ganz andere sprachliche und stilistische Ebene bedient und somit einen ganz anderen Leserkreis zu erreichen versucht.
Man verstehe mich nicht falsch!
Ich möchte hier nicht abwertend klingen und den genannten Lesern/innen ein Verständnis für die alte Übersetzung absprechen. Jeder sollte für sich selbst die Probe aufs Exempel machen und sich auch an Carroux versuchen. Doch es bleibt auf der anderen Seite nicht von der Hand zu weisen, dass sich die Lesegewohnheiten ändern, und das in einem immer schnelleren Tempo. "Moderne" Literatur hat oftmals das Merkmal, der gesprochenen Sprache zu folgen und dann wird es eben flappsig (dieser Merkmale bediene ich mich zum Beispiel auch in diesem Text) oder auch weniger poetisch, an der Sprache wird nicht mehr in dem Maße gefeilt, wie man es bei Tolkien findet (der sich manchmal über Jahre hinweg über einen Ausdruck Gedanken gemacht hat, der Varianten seiner Geschichten schrieb, bis ihn eine davon zufriedenstellte).
Sicher, ich verallgemeinere hier sehr, denke aber mit dem Gesagten nicht ganz daneben zu liegen.
Für mich persönlich bleibt die Carroux-Übersetzung der Maßstab, auch wenn ich mich nicht in die Reihen derer stellen möchte, die Krege am liebsten auf dem Scheiterhaufen der Tolkien-Puristen-Inquisition brennen sehen möchten.
Heru n' nertë März/April 2004
1) Der Herr der Ringe, Stuttgart 2000, Bd. 3, Seite 379. 2)
Er hielt inne, und dann sagte er langsam und mit tiefer Stimme: "Dies ist der Meister-Ring, der Eine Ring,
um sie alle zu beherrschen. Dies ist der Eine Ring, den er vor so vielen Zeitaltern zur großen Schwächung
seiner Macht verloren hat. Er begehrt ihn außerordentlich, aber er darf ihn nicht bekommen."
Frodo saß still und reglos da. Die Furcht schien ihre gewaltige Hand auszustrecken, wie eine dunkle
Wolke, die sich im Osten zu erheben begann und drohend auftürmte, um ihn zu verschlingen.
"Dieser Ring!" stammelte er schließlich. "Wie ..., wie um alles in der Welt ist er zu mir gekommen?" 3)
Obwohl alles andere blieb wie zuvor, düster und dunkel, wurden die schattenhaften Wesen
mit einem Mal entsetzlich deutlich. Er vermochte unter ihre schwarzen Hüllen zu sehen. Da
waren fünf große Gestalten: zwei standen am Rand des kleinen Tales, drei kamen auf ihn zu.
In ihren weißen Gesichtern brannten scharfe und gnadenlose Augen; unter ihren Mänteln trugen
sie lange graue Roben; auf ihren grauen Haaren waren Helme aus Silber und in ihren hageren
Händen Schwerter aus Stahl. Ihr Blick fiel auf ihn und durchbohrte ihn, als sie auf ihn zustürzten.
Verzweifelt zog er sein eigenes Schwert, und es schien ihm, als flackere es rot wie ein brennendes
Holzscheit. Zwei der Gestalten verharrten. Die dritte war größer als die anderen; das Haar dieses
Reiters war lang und schimmernd und auf seinem Helm war eine Krone. In einer Hand hielt er ein
langes Schwert, und in der anderen ein Messer; beides – das Messer und die Hand, die es hielt -
leuchtete in einem fahlen Licht. Er sprang vorwärts und auf Frodo hinab. 4)
Von dem Kadaver erhob sich der Schwarze Reiter, groß und bedrohlich ragte er über
sie auf. Mit einem Schrei des Hasses, der in den Ohren brannte wie Gift, ließ er
seine Keule fallen. Ihr Schild zersplitterte in viele Stücke, und ihr Arm war gebrochen;
sie strauchelte und sank in die Knie. Er neigte sich über sie wie eine Wolke, und seine
Augen glitzerten; und er hob seine Keule, um sie zu töten. Aber plötzlich stolperte auch er
mit einem bitteren Schmerzensschrei vorwärts; sein Hieb verfehlte sie und ging weit in den Boden. 5)
"Ist hier irgendeiner in dieser Rotte mit der Befugnis mit mir zu verhandeln?" fragte er.
"Oder wenigstens mit Verstand, um meine Worte zu begreifen? Am wenigsten Du!" spottete er,
und wandte sich mit Verachtung an Aragorn. "Es braucht mehr um einen König zu machen als ein
Stück elbisches Glas, oder einen Pöbelhaufen wie diesen. Jeder Räuber in den Bergen kann eine
ebensolche Gefolgschaft vorzeigen!" 6) Ebd., Bd. 1, Seite 42.
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Die Szene mit Gandalf und seinem Wagen bepackt mit Feuerwerk, der die Kinder voller
Begeisterung jubeln lässt; aber Tolkien hätte sie doch wohl nie im Leben "Geil" rufen lassen.
Apropos, warum beim G-Wort die Zurückhaltung? "Geil" ist doch quasi salonfähig geworden und bräuchte nicht mehr entschärft zu werden, oder?
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