Trenner

Gollum
Nur eine abscheuliche Kreatur?

Als ich in den Büchern „Der Herr der Ringe“ zum erstenmal mit Gollum Bekanntschaft schloss, wünschte ich des öfteren während der Lektüre, dass diese entsetzliche Kreatur aus der Geschichte verschwände.
Ich fand ihn durch und durch abstoßend.
Schon wie er in seinem Äußeren beschrieben wurde, war Grund genug, ihn abscheulich zu finden. Dazu kamen dann noch seine Eigenschaften, wie Hinterhältigkeit, Grausamkeit und sein kriecherisches Verhalten Stärkeren gegenüber, die ihn in keiner Weise und nicht im entferntesten liebenswert erscheinen ließen.

Solche Gedanken waren natürlich reichlich oberflächlich, doch leider ist es uns Menschen oft eigen, nach Äußerlichkeiten zu urteilen.
Als ich begann, mich mit Gollums Leben zu beschäftigen, wurde er zwar nicht liebenswerter, doch ich entwickelte ein gewisses Verständnis für ihn und empfand am Ende Mitleid mit diesem Wesen.

Was war geschehen, dass aus dem Hobbit vom Stamm der Starren die Kreatur „Gollum“ wurde. Welche Leiden und Demütigungen musste er erdulden, dass er sich schon in seiner Kindheit zum verachteten Außenseiter entwickelte?
Darüber können wir zunächst nur mutmaßen, denn aus seiner Kinderzeit und Jugend ist nicht viel überliefert.
Wir erfahren bei Tolkien und auch aus der Sekundärliteratur nichts über seine Eltern. Lediglich die Information, dass er einer angesehenen, relativ wohlhabenden Familie angehörte, der eine weise Großmutter vorstand, ist als gesichert anzusehen.
Ich denke nicht, dass Smeagol einen körperlichen Makel hatte, der die anderen seiner Sippe abstieß, sondern ich bin sicher, es waren verschiedene Verhaltensweisen, die ihn außerhalb der Gemeinschaft stehen ließen. Gandalf beschreibt ihn als unruhig und wissbegierig, was ich hier einfach mal übersetze mit überaktiv und anstrengend für seine Umgebung, denn ich suche nach einer Erklärung für die Ablehnung, die er schon früh erfuhr.

Wenn wir uns im realen Leben umsehen, dann ist es auch heute nicht ungewöhnlich, dass überaktive und intelligente Kinder verkannt werden, so dass sie, wenn sich niemand die Mühe macht, ihre guten Anlagen zu fördern, auffällige Verhaltensmuster entwickeln und schnell und leichtfertig in die berühmte Schublade mit den Aufschriften „Unmöglich“, „Ungezogen“, „Ausbund“ gesteckt werden, um es bildlich auszudrücken.
Wenn das einmal geschehen ist, leidet zweifelsohne das soziale Verhalten des Kindes, und als Folge der beständigen Ablehnung zieht es sich zurück oder wird noch auffälliger, immer in dem Bestreben Anerkennung und Aufmerksamkeit zu finden. Schlimmstenfalls verleitet diese Intention zu kriminellen Aktionen.

Smeagol zog sich wohl zurück und verbrachte den größten Teil seiner Zeit allein. Es wird nur von einem Freund (oder Vetter) berichtet, mit dem er hin und wieder gemeinsam unterwegs war: Deagol. Wie stark die Verbundenheit zwischen ihnen war, erfahren wir nicht.

In dieser Zeit schon muss der Ring der Macht, der ganz in der Nähe im Wasser des Anduin lauerte, in Aktion getreten sein.
Wir wissen, das der Ring einen eigenen Willen besaß und danach trachtete, ans Tageslicht befördert zu werden, um seinem erstarkenden Gebieter näher zu sein. Er wartete seit Jahrhunderten im Schlamm auf einen neuen Träger, den er sich mit der ihm eigenen Unnachgiebigkeit aussuchte, und er fühlte, dass er in Smeagol dieses Wesen gefunden hatte: Eine einsame, enttäuschte Kreatur, mit der er leichtes Spiel haben würde und die der Autorität und dem Einfluss des Ringes nichts entgegenzusetzen hatte.
Ich bin überzeugt, dass es die Macht des noch verborgenen Ringes war, die Smeagol veranlasste, sich von den Dingen über der Erde abzuwenden, und stattdessen zu graben und in trübe Gewässer zu tauchen, um unterirdische Geheimnisse zu erforschen.

Unbezähmbare Begierde erfüllte ihn, als Deagol den Ring in den Händen hielt, und sein Verlangen war so groß, dass er sogar unter der unseligen Einflussnahme des Ringes einen Mord beging.

Von jetzt an wandelte sich Smeagols Leben radikal. Erschreckende Veränderungen zeigten sich an ihm, innerlich wie äußerlich. Er spürte sehr bald, dass ihm durch den Ring Macht gegeben war, und er war nun in der Lage, Rache zu nehmen für Demütigung, Zurückweisung und Ablehnung. Er nutzte diese neue Macht, um seiner Verwandtschaft zu schaden.
Seine Devise war nun: „Jetzt zahle ich Euch alles heim!“
Dieses Hochgefühl, überlegen und mächtig zu sein, war nur von kurzer Dauer, und Smeagol zahlte einen furchtbaren Preis: Er verlor alles; seine Heimat seine Familie und die Freiheit, selbst über sein Leben zu entscheiden, denn das wurde von nun an vom Willen des Ringes bestimmt.

An dieser Stelle gehen meine Gedanken wieder in die reale Welt. Es scheint eine gewisse Gesetzmäßigkeit in der Verkettung von Zurückweisung, Enttäuschung, Ablehnung, Ausgrenzung und der Gelegenheit, Macht auszuüben, zu liegen. Wer Macht in diesem Zusammenhang besitzt, in welcher Form auch immer, kann sich rächen, kann Angst verbreiten und sich sozusagen „entschädigen“ für Dinge, die ihm angetan wurden.

Vor zweieinhalb Jahren ereignete sich in der Stadt, in der ich lebe, eine schreckliche Katastrophe, und am Ende waren achtzehn Menschen tot.
Ich werde diesen Tag nie vergessen. Und niemals werden die Stunden voller Entsetzen und voller Angst, immer schwankend zwischen Hoffen und Bangen, aus meinem Gedächtnis verschwinden, denn auch meine Familie war betroffen.

Ein Schüler war auffällig geworden und, seiner Meinung nach, ungerecht behandelt, abgewiesen und ausgegrenzt worden. Niemand war da, der erkannte, wie es um ihn stand, und er bat niemanden um Hilfe. Er war einsam oder glaubte, einsam zu sein.
Er erhielt Macht durch Waffen, die er sich beschaffen konnte, und auch er folgte der Losung: „Ich werde es Euch heimzahlen!“.
Glücklicherweise gehen nicht viele Menschen, deren Selbstbewusstsein am Boden liegt, solch einen furchtbaren Weg.
Nun soll mir bitte niemand unterstellen, ich würde Verständnis für die Tat aufbringen! Das ist keineswegs der Fall! Ich versuche nur zu begreifen, warum das alles geschah, denn Robert S. kann es uns nicht mehr sagen.

Man muss kein Psychologe sein, um zu folgendem Schluss zu kommen: Gebt tief Enttäuschten, Zurückgewiesenen, Ausgegrenzten Macht , und sie werden sie gebrauchen, wenn der Druck zu groß wird. Sie werden versuchen, dem Verursacher ihres Schmerzes alles zurückzuzahlen. Dabei muss es natürlich nicht die entsetzlichen Folgen haben wie oben beschrieben.

Nun mag mancher Leser der Meinung sein, dass ein Vergleich einer realen Person mit einer Figur aus einer Phantasy-Story nur bis zu einem gewissen Grad möglich ist. Dem stimme ich zu. Ich will jenen unglücklichen Robert S., der zum Mörder wurde, nicht mit Smeagol vergleichen, denn er bestimmte selbst, was er tat, sondern ich will lediglich feststellen, wie psychologisch klug Tolkien den Charakter „Smeagol“ angelegt hat. Legt man solche Überlegungen zugrunde, erscheint seine Entwicklung zu „Gollum“ nur logisch und nachvollziehbar.

Zum Gefühl des Mächtigseins gesellt sich später die ungeheuere Angst vor dem Dunklen Herrscher, mit dessen Verliesen in Barad-dur er Bekanntschaft machte. Schreckliches muss er dort erlebt haben:

„... Was er inzwischen getrieben hatte, wollte er nicht sagen. Er heulte nur und schimpfte, wie grausam wir seien, und würgte ein gollum nach dem andern aus der Kehle. Als wir ihn härter anfassten, winselte und katzbuckelte er, rieb sich die langen Hände und leckte sich die Finger, als ob sie ihn schmerzten in Erinnerung an eine früher erlittene Folter...“
(Gandalf zu Frodo; Der Herr der Ringe, Teil I, Klett-Cotta, Stuttgart 2001, S.86)

Smeagol kämpft einen ständigen Kampf mit „Gollum“ und sein Bemühen, sich von ihm zu befreien, hat er mich sehr berührt.
Ich beziehe mich hier insbesondere auf Szenen des zweiten Filmteils, denn im Roman wurde mir Smeagols gespaltene Persönlichkeit zwar deutlich, doch war sie nicht dermaßen anschaulich dargestellt.
Manchmal vergaß ich, dass Gollum „nur“ eine computer-animierte Figur war, wenn ich den Wechsel in seiner Mimik während seiner Selbstgespräche mit seinem anderen Ich beobachtete.
Als er sein anderes, böses Ich für eine kurze Zeit davongejagt hatte, war nichts Arglistiges oder Böses in seinen Augen. Ich sah nur eine kindliche Freude darüber, einen Sieg errungen zu haben.

Frodo erkannte, dass in Gollum noch nicht alles, was gut ist, verschüttet war. Er nannte ihn bei seinem Namen: Smeagol.
Die entsprechende Szene ist schon recht anrührend: „Was nennt es mich?“ fragt Gollum, und in seinen Augen zeigt sich Erinnerung an ein früheres Leben.
Smeagol! So ist dein Name,“ sagt Frodo, und Gollum wiederholt es andächtig.
Sein Name! Für einen kurzen Zeitraum hat er einen Namen und seine Persönlichkeit ist nicht mehr nur auf ein schmatzendes, kehliges Geräusch reduziert. Das wäre ein guter Ansatz für einen Wandel gewesen.

Doch immer wieder siegt die böse Seite. Da sind Enttäuschung, Furcht und die Gier nach dem Ring, den er nur erreichen kann, wenn der Ringträger und sein Gefährte tot sind. Das mündet letztendlich in den Verrat der Gefährten an Kankra, die er zu seinem Handlanger machen will.
Der Kreis hat sich wieder geschlossen, aus dem Gollum nicht ausbrechen kann.
Ein tragisches Schicksal...
Sollte man nicht Mitleid haben mit ihm?
Smeagol hatte nie die Chance, selbst über sein Leben zu entscheiden. Sein Dasein wurde bestimmt durch eine fremde Macht, und er wurde als ein Werkzeug dieser dunklen Macht benutzt, und das macht sein Schicksal so bestürzend.
Gandalf erkannte die Tragik dieses unglücklichen Wesens:
„Ich habe nicht viel Hoffnung, dass Gollum, bevor er stirbt, noch geheilt werden kann, doch eine geringe Aussicht besteht noch. Und sein Schicksal ist mit dem Schicksal des Ringes verknüpft. Und mein Herz sagt mir, dass er, ob zum Guten oder Bösen, am Ende noch eine Rolle zu spielen hat...“
(Gandalf zu Frodo; Der Herr der Ringe, Teil I, Klett-Cotta, Stuttgart 2001, S.88)

Gandalf sollte Recht behalten: Unfreiwillig wurde er zum Helfer bei der Vernichtung des Ringes, und dass er es mit dem Leben bezahlte, sollte uns versöhnlich stimmen.

Fran Walsh hat die Tragik dieses Lebens übrigens sehr treffend in Gollum's Song beschrieben.

Anarya
Oktober 2004


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