Das Legolas-Phänomen
Legolas. - Was erfahren wir in Tolkiens Werk über ihn?
Das ist nicht viel, was der „Meister“ über ihn schreibt.
Wir lesen, dass er ein Prinz aus dem Reich der Waldelben ist, der von seinem Vater, König Thranduil, nach Bruchtal gesandt wird, um Elrond im Kampf gegen die Orks aus Mordor um Hilfe zu bitten.
Wir erfahren, dass er klug, gewandt und stark ist, dass er über außergewöhnlich gute Sinne verfügt, denn er ist auf der Wanderung der Ringgefährten sozusagen das „Auge“ und das „Ohr“ der Gemeinschaft. Er kennt die Geheimnisse in Wald und Flur, besitzt die Gabe, Stimmungen und Bedrohungen auch aus der Entfernung zu erfühlen, und er ist ein ausgezeichneter Fährtenleser.
Er ist bei aller Stärke so leichtfüßig, dass er über Schnee gehen kann, ohne Spuren zu hinterlassen, und dass er ohne Probleme über ein gespanntes Seil balancieren kann, um Hindernisse zu überqueren. Doch das können die anderen seines Volkes auch.
Er ist gutherzig und doch ein tapferer Kämpfer und ein treuer Freund, der nicht viele Worte macht und auf den sich die Gefährten stets verlassen können.
Äußerlich muss er sehr schön sein, denn er ist ein Elb. Die Experten streiten noch, ob er wirklich blond ist und nicht doch dunkelhaarig, doch das soll nur am Rande bemerkt sein.
Das ist aber auch schon alles, was wir über ihn erfahren. Auch das Studium der Sekundärliteratur hilft uns nicht wirklich weiter.
Was macht ihn nun zu etwas Besonderem? Diese Frage stellt sich, denn im Roman bleibt er für meine Begriffe etwas blass, auch wenn seine vielen guten und außerordentlichen Eigenschaften auf der Wanderung deutlich werden.
Ich habe übrigens niemals davon gehört, dass sich die Damenwelt nach der Lektüre des Buches nach ihm verzehrte und in romantischen Träumen seinen Namen flüsterte. Solche Bemerkungen kann ich mir erlauben, denn diesen Text schreibe ich aus einer gewissen Distanz heraus, auf die ich nicht näher eingehen will.
Doch kehren wir zurück zu Legolas und der Frage, woher die Begeisterung der vornehmlich weiblichen Fans für gerade diese Figur kommt.
Glücklicherweise gibt es in Neuseeland einen Mann namens Peter Jackson, der das Unmögliche schaffte und die Trilogie in drei grandiosen Filmen umsetzte. Und er ist es auch, der die Figur des Legolas überaus lebendig werden ließ, so lebendig dass er jetzt eine millionenfache Fan-Gemeinde besitzt.
Peter Jackson ist ein schlauer Mann, der sehr genau wusste, was die Zuschauer sehen wollen und welches Publikum er wie ansprechen muss. Das musste er auch, wenn er die Abermillionen, die dieses gewaltige Projekt gekostet hat, nicht in den Sand setzen wollte.
So war besondere Sorgfalt nötig, die einzelnen Rollen zu besetzen, um die Charaktere lebendig werden zu lassen.
Im Süden von England fand er einen jungen Schauspieler, ein unbeschriebenes Blatt, gerade mal mit der Schauspielschule fertig, dem er die Rolle des Legolas anvertraute. Er wurde nicht enttäuscht, denn Orlando Bloom gab einen prächtigen Legolas ab.
Doch warum ist es gerade dieser filigrane, fast schon androgyne Typ, der die Mädels hysterisch kreischen lässt, wenn er sich zeigt? Auch ich kann mich – ich gestehe es – seinem Charme nicht entziehen.
Die Menge an Legolas-Geschichten und Mary-Sues auf den Fan-Seiten spricht ebenfalls Bände.
Warum ist es nicht ein Boromir in seiner kraftvollen Männlichkeit, an dessen breiter Brust sich sicher gut ruhen lässt?
Warum ist es nicht ein Aragorn mit seiner zurückhaltenden Stärke, seinem Mut, seiner Verwegenheit und seiner Weisheit?
Wir nähern uns nun schon einer Antwort auf diese Fragen, und ich bin sicher nicht die erste und einzige, die zu diesem Schluss kommen muss: Es ist Orlando Bloom, der Darsteller, der reale Mensch, der hinter der Figur des Legolas steht, der die Massen weiblicher Fans begeistert. Die Zeit der muskelbepackten Machos ist vorbei, und gefragt sind softe Typen mit Zärtlichkeit und einem gewissen Ausdruck in den Augen. Überträgt man nun noch in seinen Vorstellungen die Charaktereigenschaften eines Elben, wie Treue, Verlässlichkeit, Sensibilität und dergleichen mehr auf den realen Menschen, hat man den idealen Mann, von dem sich gut und romantisch träumen lässt.
Orlando Bloom ist sicher ein netter Typ, der auch noch unverschämt gut aussieht. Dass er sich, was sein Privatleben betrifft, sehr bedeckt hält, lässt für seine Verehrerinnen freilich sehr viel Raum zum Träumen.
Was machen wir nun, Mädels?
Lasst ab von Legolas! Er ist für Euch unerreichbar, denn er lebt in der Welt der Phantasie.
Haltet Euch an Orlando Bloom, er ist eine reale Person! Geht auch nicht? Da habt Ihr recht: Er ist ganze Zeitalter von Euch entfernt, auch wenn London mit dem Flieger in nicht einmal zwei Stunden zu erreichen ist.
Wenn Eure Träume gar zu schmerzlich werden und wenn die Sehnsucht nach dem Objekt Eurer Träume gar zu groß wird, dann schreibt Euch Euren Wunschtraum von der Seele! Schreibt eine Real-Person-Fanfic! Doch BITTE nicht für diese Site!!!
Oder noch besser: Seht Euch noch mal „Troja“ an (ist heute auf DVD erschienen)! Ach, nein, geht ja auch nicht! Da werdet Ihr nur neidisch auf Diane Kruger, und das verursacht sicher wieder neuen Herzschmerz...
© ANARYA
September 2004
Anmerkung von Heru:
Ich denke, Anarya hat kurz und prägnant das Phänomen Legolas erklärt und ich kann mich ihrer Meinung nur anschließen, auch
(oder vielleicht gerade) weil mich weder Legolas noch Orlando Bloom als Männertypen interessieren. (Ja, ja Heru hat einen seltsamen
Geschmack oder ist einfach zu alt, um sich noch mal so richtig in einen Schauspieler zu vergucken. *g*)