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Tolkien und Rassismus
- Ein Versuch, sich dieser Materie unvoreingenommen zu nähern -

Ich wollte mir dieses Thema eigentlich verkneifen, bin von meiner inneren Stimme aber schließlich derart beschwatzt worden, dass ich mich äußern muss, denn die Debatten um die Frage "War Tolkien Rassist?" flauen nicht ab.
Hingewiesen sei zum Beispiel auf diesen Beitrag.

Ich persönlich halte sie für interessant bis erschreckend.
Die wenigen Befürworter der Behauptung müssen sich gar manches bieten lassen und können selten auf eine sachliche Diskussion hoffen, während die Gegner mit Empörung reagieren und sich wohlmöglich persönlich angegriffen fühlen, und dementsprechend austeilen.

Deshalb - und weil das Thema Rassismus an sich brisant ist - wähle ich für diesen Essay einen vielleicht etwas ungewöhnlichen Weg. Hier soll auf semiwissenschaftlicher Basis der Versuch unternommen werden, die obige Frage zu beantworten. Man sehe mir bitte nach, wenn ich das Thema nicht erschöpfend behandle, aber dazu besitze ich nicht die nötige Kompetenz (und Zeit). Ich möchte lediglich zum Nachdenken anregen und ein wenig den advocatus diaboli spielen. Deshalb verzeihe man mir die bekannte flapsige Art und Weise, die manchmal durchkommt.

Wollen wir uns dem Themengebiet Rassismus nähern, müssen wir zunächst einmal den Begriff genauer definieren und ihm seine Bedeutung entlocken. Ich wähle dieses etwas eigentümliche Wort, weil wir hier schon auf ein erstes Problem stoßen: einen Rassismusbegriff, der allgemeingültig und alles umfassend ist, gibt es nicht.
Im Gegenteil.
Wir finden in der Forschung unterschiedliche Rassismusdefinitionen und - erklärungen. Um einige Beispiel zu nennen:

- Von sozioökonomischer Seite aus wird, besonders von den Marxisten, ein Rassismus der herrschenden Klassen behauptet, der dazu diene, die einmal gewonne Herrschaft auf Dauer zu erhalten.

- Psychologen greifen gerne auf die Erklärung zurück, dass sich der Rassismus dort zeige, wo zu dominante oder zu labile Personen sich rassistisches Gedankengut zu eigen machen würden.1)

- Und, ganz klassisch, der Rassismus gründet sich auf der Höherwertigkeit der eigenen gegenüber fremder/anderer Rassen.

Was genau aber ist nun Rassismus?
Je nach wissenschaftlichem Standpunkt aus kann der Begriff unterschiedliche Bedeutungen haben, eng oder weit gefasst sein.
Für uns geht es also zunächst darum, eine Definition des Begriffs Rassimus zu finden und ebenfalls zu definieren, was einen Rassisten ausmacht. Haben wir das getan, uns quasi eine Richtschnur geschaffen, dann können wir in Tolkiens Werken und seinen Aussagen nach Merkmalen suchen, die den Rassismusvorwurf erhärten oder aber widerlegen.
Zu diesem Zweck habe ich mir einen Kenner der Materie ausgesucht: Albert Memmi, dessen Rassismusdefinition weiten Anklang gefunden hat:

"Der Rassismus ist die verallgemeinerte und verabsolutierte Wertung tatsächlicher oder fiktiver Unterschiede zum Vorteil des Anklägers und zum Nachteil seines Opfers, mit der seine Privilegien oder seine Aggressionen gerechtfertigt werden."2)

Nach Memmi ist ein Rassist eine Person, die - in der Regel - auf die biologischen Unterschiede eines anderen abstellt. Darüber hinaus zöge er aber zum Beispiel auch sittliche und kulturelle Merkmale heran.3)
Diese Merkmale seien immer negativ behaftet, so dass im Gegenzug der Rassist für sich alles Positive in Anspruch nehmen könne.4) Die "Guten" stehen den "Bösen" gegenüber, wenn man so will.
Die tatsächlichen oder fiktiven Unterschiede würden durch den Rassisten verallgemeinert, also auf fast alle Mitglieder einer Gruppe als zutreffend angesehen und dies zeitlich unbegrenzt.5)
Um sich und die Seinen zu schützen, sei dem Rassisten daher jedes Mittel erlaubt, einer "Bedrohung" durch die anderen zu begegnen. Er sehe sich in jedem Fall gerechtfertigt.6)

Wir haben unser Augenmerk also auf folgende Dinge zu richten:

- tatsächliche oder fiktive Unterschiede,
- eine verallgemeinernde und zeitlich unbegrenzte Wertung dieser Unterschiede,
- Vorteil des Rassisten, Nachteil des Opfers,
- Rechtfertigung des Rassisten

Im Zusammenhang mit Tolkiens Werken müssen wir uns nun auf eine abstrakte Ebene begeben und voraussetzen, dass das Geschriebene Tolkiens eigene Sichtweise darstellt; wir also gewissermaßen durch die Darstellung der Rassen im Herrn der Ringe/Silmarillion/Hobbit auf Tolkiens "rassistische" Haltung schließen können.
Ein gewagtes Vorgehen, ich weiß. Wir werden etwas später aber quasi ein Gegengewicht unter einer anderen Sichtweise einsetzen können.

Doch nun zum Kern der Sache.
Wer würde sich für eine Wertung logischerweise besser eignen, als die diversen Bösewichte, die den Helden das Leben schwer machen?
Fangen wir mit dem Fußvolk an: den Orks.
Was "zeichnet" sie aus?

Sie sind eindeutig von der unsympathischen Sorte. Hässlich in einem zweifachen Sinn als körperlich und seelisch missgestaltete Wesen, von roher Kraft durchdrungen, böse und verdorben, auf Vernichtung aus und Melkor, Sauron bzw. Saruman treu ergeben.
Man kann ihnen eine gewisse boshafte Intelligenz nicht absprechen; aber das macht sie nicht angenehmer. Als Handlanger des Bösen in der untersten Kategorie seit alters her sind sie verabscheuungswürdig und demzufolge für die freien Völker Mittelerdes eine stete Bedrohung, die es auszumerzen gilt.

Puh, im Prinzip haben wir hier alle oben genannten Punkte auf einen Schlag versammelt. Von den "Guten" unterscheiden sich die Orks sowohl körperlich als auch von der Gesinnung her (Unterschiede), was im allgemeinen bedeutet, dass sie hässlich aussehen, hässlich denken und hässlich handeln (negative Wertung der Unterschiede) und selbst im Tode noch hässlich sind, da ihr schwarzes Blut die Erde besudelt, das Gesagte galt schon immer und für alle Orks, egal welcher Art sie angehören (Verallgemeinerung). Die "Guten" erledigen die Orks aus diesen Gründen wann immer sie können; siehe zum Beispiel das Verhalten der Rohirrim, als sie auf den Orktrupp treffen, der Merry und Pippin in seiner Gewalt hat (Rechtfertigung).
Ein klarer Fall, oder?

Den Trollen ergeht es ähnlich.
Ebenfalls von böser Art und dem perversen Schöpfungswahn Melkors entsprungen, sind sie - durch die Blume gesagt - unschön und verdorben. Ihre Attribute - groß, sehr hässlich und ohne Intelligenz, aber dafür blutdürstig und grausam ohne Grund, gegen andere ohnehin und auch gegen Angehörige der eigenen Rasse (Kanibalismus) - machen sie zu den klassischen Bösewichten, die ihr Unwesen zum Schaden der Helden treiben und dementsprechend ihre Strafe bekommen.
Wie die Orks haben sie schwarzes Blut und scheuen das Sonnenlicht, da es ihrer Existenz ein Ende setzen kann.

Die Haradrim, die Völker aus dem Süden Mittelerdes, werden als primitiv und wild beschrieben. Von der Statur her sind sie zwar eher imposant (groß, kräftig), aber zugleich fremdartig bis grotesk genug, um Unbehagen auszulösen (dunkelhäutig, -haarig und -äugig, teils wie halbe Trolle).
Von der Gesinnung her sind sie eindeutig den Feinden der Freien Völker zuzurechnen; insbesondere den Menschen Gondors machen sie das Leben schwer. Im Dritten Zeitalter, als sie unter Saurons permanenten Einfluss geraten waren, zeigten sich diese Feindseligkeiten besonders heftig. Im Ringkrieg standen sie natürlich auf der Seite Saurons und waren - mit ihren Mumakil - gefürchtete, gnadenlose Kämpfer.
Die Haradrim begegnen uns bedeutend seltener als die Orks, doch auch bei ihnen besteht kein Zweifel in welche Ecke wir sie einzuordnen haben.

Die Ostlinge (Menschen aus Rhûn) sind noch weniger ausführlich beschrieben. Dies tut der Zuordnung zu den Bösen jedoch keinen Abbruch, denn die Ostlinge sind voller Hass auf Gondor, körperlich wenig ansprechend und von Saurons Einflüsterungen beeinflusst. Bezeichnend ist, dass König Elessar Telcontar nach dem Ringkrieg die Ostlinge an den Grenzen zu Gondor seiner Herrschaft unterwarf und sie auf diese Weise unschädlich machte.

Fassen wir kurz zusammen, was unsere Betrachtungen bis jetzt ergeben haben.
Unterschiede zwischen den Guten und den Bösen begegnen uns, wann immer wir auf die Bösen treffen, die

- hässlich, dumm, fremdartig, gefährlich, dunkel, grausam, blutrünstig ... sind,
- diese Unterschiede gelten im Prinzip, seit es die besagten Rassen/Gruppen gibt, denn Trolle und Orks sind von Morgoth geschaffene Karikaturen ihres ursprünglichen Wesens, und die Haradrim/Ostlinge sind den Einflüsterungen des Bösen erlegen,
- das Böse, das diese Rassen verkörpern ist eine stete Bedrohung für die Guten,
- und von daher ist die Vernichtung des Bösen legitim.

Wir sehen, wenn wir unser Rassismusschema mehr oder weniger streng anwenden, dann kann man getrost sagen: Es passt eine ganze Menge aus Mittelerde hinein; da gibt es kein Vertun.

*

Wir haben jetzt quasi eine Innenansicht des Tolkienschen Universums gehabt. Doch was passiert, wenn wir von Tolkiens Werken Abstand gewinnen und uns auf ihn konzentrieren, unserer Sichtweise also eine andere Richtung geben?

Von Tolkien selbst haben wir nur wenige öffentliche (mir bekannte) Äußerungen zum Thema Rassismus - besser gesagt zu Aspekten desselben.7) Aus den kurzen Passagen seiner Briefe geht meines Erachtens aber hervor, dass Tolkien kein festgelegtes rassistisches Gedankengut hegte, die Welt nicht aus einem negativen rassistischen Blickwinkel heraus betrachtete.8)
Im Gegenteil.

Er verwahrte sich gegen dieses "Schubladendenken" und war dabei sogar ein wenig provokant. So antwortete er auf eine Anfrage des deutschen Verlages Rütten & Loenig, ob er arischen Blutes sei, dass ihm diese Frage nicht ganz klar wäre. Immerhin habe es unter seinen Vorfahren niemanden gegeben, der des Hindustani oder Persischen mächtig gewesen sei.

Tolkien war sich natürlich genau bewusst, worauf die Verleger hinauswollten, denn einen Satz später heißt es: "But if I am to understand that you are enquiring wether I am of Jewish origin, I can only reply that I regret that I appear to have no ancestors of that gifted people."9)
In einem Brief an Stanley Unwin, datiert vom selben Tag, machte Tolkien deutlich, dass er nicht gewillt sei "the wholly pernicious and unscientific race-doctrine" zu unterstützen.10)

Tolkien war also sehr wohl klar, was der Rassismus Nazi-Deutschlands bedeutete.
Er ging aber gedanklich noch einen Schritt weiter. Seinem Sohn Christopher schrieb er: "The Germans have just as much right to declare the Poles and Jews exterminable vermin, subhuman, as we have to select the Germans: in other words, no right, whatever they have done"11) und nahm einige Sätze später sogar direkt Bezug auf den Herrn der Ringe.12)

Zugegeben, das Wort Rassismus suchen wir hier vergebens, doch diese Passagen machen meines Erachtens gut deutlich, dass Tolkien eine sehr differenzierte Sichtweise auf die Welt hatte und seine Augen nicht vor ihren Problemen verschloss.
So hatte er zum Beispiel auch die Behandlung der Kolonialvölker vor Augen, denn "the treatment of colour nearly always horrifies anyone going out from Britain, & not only in South Africa. Unfort. not many retain that generous sentiment for long."13)

Auch hier wieder ein konkreter Hinweis auf Tolkiens Missbilligung von Unterdrückung, und seine Erkenntnis, dass es leider niemals lange dauert, bis sich die Empörung über solche Umstände gelegt hat.
Damals wie heute eine treffende Feststellung.

Ein Hinweis auf Rassismus begegnet uns hier: "Not Nordic, please! A word I personally dislike;: it is associated, though of French origin, with racialist theories."14)
Tolkien verwahrte sich dagegen, dass Mittelerde mit rassistischen Theorien verbunden wird, wie es in einem Interview des Daily Telegraph Magazine geschehen war.

Gehen wir noch ein wenig tiefer und wenden uns Tolkiens Aussagen über seine Werke und die uns interessierenden Aspekte zu. Die folgende Gruppen/Rassen wären wie in unserem obigen Schema:

- Orks,
- Trolle,
- Haradrim, Ostlinge

Ich verfahre ganz pragmatisch, indem ich die einschlägigen Stellen heraussuche und sie - sofern vorhanden - auf eine wertende Aussage hin abklopfe.15)

Wenden wir uns den Orks zu.
Tolkien schrieb über sie an mehreren Stellen, dass sie zwar verabscheuungswürdige Geschöpfe des Bösen seien, aber nicht durch das Böse erschaffen, sondern korrumpiert wurden.16) Dass sie ein sichtbarer Ausdruck des Bösen wären, aber auch ein Teil von Erus (Gottes) Schöpfung, die grundsätzlich gut sei.17)

Bleiben wir einem Moment bei Eru.
Wir finden in Mittelerde zwar nicht den klassischen Gottesbezug, aber Tolkien beginnt seine Erzählung im Silmarillion mit einem Schöpfungsakt - der Musik der Ainur. Hier werden quasi die Fäden für das Zukünftige gewebt; allerdings weiß allein Eru, wie die Zukunft sich gestaltet. Das Ende der Welt wäre somit tatsächlich schon festgelegt, und der Weg dorthin vorgezeichnet.

Tolkien überlässt in seinen Werken wenig dem Zufall und vergangene Ereignisse beeinflussen die zukünftigen. Von daher könnte man sagen, dass es eine Notwendigkeit des Schöpfungsprozesses war, dass Melkor zum gefallenen Engel wurde, Sauron zum Dunklen Herrscher und die Orks zu Handlangern des Bösen.
Aber genug philosophiert ...

Tolkien gebrauchte den Begriff "orcs" übrigens des öfteren als Metapher für Menschen, die Unrecht tun. Im Zusammenhang mit den Ereignissen des II. Weltkriegs ist es meines Erachtens aussagekräftig, dass er Orks in den Reihen jeder kriegsbeteiligten Nation sah; hier also keinen Unterschied zwischen den "Guten" und den "Bösen" machte.

Er war sich klar, dass seine Beschreibung der Orks einem Ressentiment der Europäer gegenüber dem mongolischen Typus das Wort redete.18) Gut möglich, dass Tolkien hier gezielt diese Misstrauens- und Ablehnungshaltung ansprechen wollte, die wir für das uns fremd Erscheinende und Unbekannte hegen, um den Orks eine auch für das Unterbewusstsein gefährliche Note zu geben.

Wie sieht es bei den Trollen aus?
Sie stehen bei Tolkien etwas anders da; aufgrund ihrer "Natur" als Wesen, die im Sonnenlicht zu Stein werden und die man aufgrund dieser Eigenheit schwerlich als "menschlich" bezeichnen kann sondern eher als magisch.
Ihnen billigt Tolkien nicht zu, gut sein zu können oder Gefühle, wie Mitleid zu haben, betont aber, dass er sich für die Darstellung der Trolle beim "old barbarous mythmaking" bedient hat.19)
Wir können das Konzept der gefühllosen, durch und durch bösen Trolle getrost als schriftstellerisches Stilmittel betrachten.

Ostlinge und Haradrim fnden in Tolkiens Briefen so gut wie keine Erwähnung; dafür mag eine bestimmte Äußerung um so interessanter sein, denn sie spricht beide Völker zugleich an und ist darüber hinaus vielsagend.
Tolkien schreibt im Zusammenhang mit Frodos Mission, dass sie einen menschlichen und keinen politischen Hintergrund habe, dass es um "the liberation from an evil tyranny of all the humane - including those such as 'easterlings' and Haradrim, that were still servants of the tyranny" gehe.20) Hier gibt Tolkien also allen denkenden Geschöpfen das Recht auf Rettung/Erlösung, auch wenn sie der Gegenseite angehören.

Aus vielen Briefen Tolkiens (an seinen Sohn Christopher) geht deutlich hervor, dass er die Aspekte von Gut und Böse im wirklichen Leben immer aus zwei Blickwinkeln betrachtete, abwägte und überlegte, bevor er sich äußerte - Pauschalverurteilungen der "Anderen" habe ich keine gefunden.

Um unsere Betrachtungen abzurunden, werfen wir abschließend auch noch einen kurzen Blick auf ein paar ausgewählte "gute Rassen". Hätte Tolkien mit ihnen die "minderwertigen" Rassen kontrastieren wollen, um eben diese Minderwertigkeit immer wieder zu betonen, dann dürften die Guten alle positiven Eigenschaften in sich vereinen und das ohne Ausnahme.

Zumindest im Herrn der Ringe begegnet uns mit den Elben der Prototyp einer edlen und überlegenen Rasse, die alle äußerlichen und geistigen Merkmale des "Übermenschlichen" besitzt.
Das Silmarillion relativiert dieses Urteil aber sogleich. Dort sind die Elben beileibe nicht unverdächtig und erhaben. Stolz, Neid, Rachsucht - all das bringt sie Fall und führt zu Sippenmord und Verbannung. So benimmt man sich nicht, wenn man den Supermannbonus für sich beanspruchen will.

Und die edlen Númenórer, die großen und langlebigen Könige aus dem Westen als Stellvertreter für die Menschen?
Eigentlich bringen auch sie alle Voraussetzungen für ein Dasein als die Guten mit sich. Reines Blut (!), Klugheit, Mut, Stärke, Schönheit, Größe an Geist und Körper und und und. Gäbe es da nicht ein klitzekleines Problem. Die Herrschaften sind nicht zufrieden mit ihrem Dasein in ihrem Schlaraffenland. Nein, sie wollen die Welt erkunden und es verschlägt sie zurück nach Mittelerde (die himmlischen Gestade noch weiter westlich sind ihnen ja verboten). Anfangs gebärden sie sich in der Tat wie die guten Übermenschen, aber es dauert nicht allzu lange und das Ansehen ist dahin. Im besten Sinne einer Kolonialmacht werden Ressourcen und Menschen ausgebeutet, versklavt und getötet.

Am Ende bleibt nicht mehr viel übrig von den blonden Recken; die kleine Schar der Unverdächtigen, der Getreuen, wie Tolkien sie nennt, entkommt dem Strafgericht, läuft in Mittelerde noch einmal zu Hochform auf und geht in den Wirren der Ereignisse beinahe verloren. Fast möchte man meinen, dass Erus Zorn auch sie ereilt - ihr Reich in Arnor zerfällt und Gondor, obgleich mächtig, ist kein richtiges "König"reich mehr. Es dauert eine halbe Ewigkeit bis durch Aragorn die Schuld endlich gesühnt ist.

Also, auch wenn das Blut rein und die Gesinnung (scheinbar) hehr ist, heißt dies bei Tolkien nicht, dass die "Rasse" der Elben und der erhabenen Menschen über allen anderen steht. Hier wie dort gibt es die Guten und die Bösen (auch wenn man im Herrn der Ringe manchmal die Schattierungen vermisst, die im Sil deutlich werden); unabhängig von der Rasse.

Für die "Bösen" (Orks, Haradrim ... - selbst Sauron), die ohne jegliche gute Charaktereigenschaften auskommen müssen, kann man ins Feld führen, dass sie nicht aus eigenem Antrieb die Bösen geworden sind, sondern korrumpiert oder verführt wurden - im Rahmen von Erus Schöpfungsplan, der ja erst mit der letzten Musik der Ainur seinen Abschluss findet!

Und die Hobbits? Fast möchte man sagen, sie haben etwas putziges an sich, sind nett und gesittet, zwar etwas behäbig und immerfort hungrig, aber doch ein Beispiel für die Guten.
Doch selbst bei ihnen finden wir Neider und Geldgierige, Machthungrige und Beeinflussbare. Stereotyp sind sie vielleicht in ihrer Gesamterscheinung - wie Elben und Menschen auch - aber nicht in ihrem Verhalten

Ich denke, damit sind der Beispiele genug und wir können ein Resümee ziehen.

*~*

Tolkien hat mit dem Herrn der Ringe, dem Sillmarillion und dem Hobbit Geschichten geschrieben, deren Grundlagen Sagen und Epen aus verschiedenen Kulturkreisen waren.
Dort finden wir - wie in Tolkiens Werken - die Guten und die Bösen und können zumeist recht schnell erkennen, wer nun wer ist, und sei es, weil allein das Äußere es verrät. (Man denke nur an den nordisch anmutenden Siegfried von Xanten und den finsteren, dunklen Hagen von Tronje - ein perfektes Beispiel.)
Auch in der modernen Fantasyliteratur (und im Film) finden wir das Gute-Böse-Rassenschema bis zur Perfektion verfeinert.

Aber Tolkien hat keinen wissenschaftlichen Text verfasst, der einen Wahrheitsanspruch oder Seriosität für sich ins Feld führen kann, war kein Demagoge, der seine Meinung unter die Leute bringen wollte, um sie zu manipulieren und ideologisch in eine bestimmte Richtung zu leiten.
Ihm zu unterstellen, in vollem Bewusstsein rassistisches Gedankengut verbreitet zu haben, halte ich für illegitim.

Zu behaupten, dass sich in seinen Werken rassistische Äußerungen finden lassen, ist jedoch auch nicht von der Hand zu weisen, wie wir festgestellt haben, und sie können auch nicht übersehen werden, egal wie hoch man Tolkien schätzt.
Aber was heißt das für uns?
Verdammen wir Tolkien in Bausch und Bogen?
Oder gehen wir jedem kritischen Tolkienleser lieber an den Kragen, ohne seine Argumente auch nur in Erwägung zu ziehen?
Ich denke, beide Wege führen in die Irre und werden weder Tolkien noch seinen Werken gerecht.

Denn bevor wir vorschnell mit Wertungen bei der Hand sind, sollten wir uns vor Augen halten, dass wir letztlich alle latenten Rassismus in uns tragen.
Wer hat andere Personen oder auch ganze Nationen nicht schon einmal unter rassistischen Gesichtspunkten gesehen - und sei es auch nur, wenn man den Engländer versnobt, den Schotten geizig, den Schwarzafrikaner über die Maßen potent oder den Russen als notorischen Wodkaliebhaber bezeichnet (der Beispiele sind unzählige in jeder Nation zu finden). Fühlen wir uns nicht von fremden Kulturen bedroht (die Realität der Bedrohung und die berechtigte Angst seien einmal dahingestellt) und beäugen "die Anderen" misstrauisch, halten Abstand, wenn irgend möglich ...?

In all dem liegt eine Bewertung des anderen, ob mit Worten oder Verhaltensweisen; eine Abwertung zumeist.
Entscheidend ist hierbei, dass solche Vorurteile nicht zu festen Urteilen werden, die im schlimmsten Fall Handlungen nach sich ziehen, deren Konsequenzen uns auch in der heutigen Zeit immer wieder begegnen (ethnische Konflikte in den Balkanregionen, Völkermorde in Afrika) - von der jüngeren, eigenen Vergangenheit ganz zu schweigen.
Wir müssen uns immer bewusst sein, dass wir in wertenden Kategorien denken - im großen wie im kleinen, bei jeder Gelegenheit, um es zugespitzt zu formulieren.

Tolkien hielt sich das vor Augen, wie viele seiner Überlegungen zum allgemeinen Weltgeschehen und den Verhaltensweisen des Menschen deutlich machen. Er versuchte beide Seiten einer Medaille zu betrachten. Aber er war deshalb nicht frei von bewertendem Denken.
Wer ist das schon?
Überhaupt - wer kann das schon sein?
Deshalb möchte ich die Eingangs gestellte Frage provokant so beantworten:

War Tolkien Rassist?
Ja, genau in dem Maße, wie wir es auch sind.

***~~~***

© Heru im Oktober 2004, überarbeitet Oktober 2005
Anregungen, Kommentare und Diskussionen sind gerne gesehen und wer seine Meinung hier veröffentlicht haben möchte, ist herzlich eingeladen; ich würde mich über ergänzende oder auch gegenteilige Aussagen freuen.


1) Vgl. zu obigen Beispielen Materialien zu Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, FernUniversität Hagen, Hagen 2000, Seite 39.
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2) Albert Memmi, Rassismus, Hamburg 1992, S. 103.
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3) Ebd., S. 98 und 101.
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4) Ebd., S. 98
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5) Ebd., S. 114.
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6) Ebd. S. 99.
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7) Meine Quellen sind hier die Briefe Tolkiens, die eine große Bandbreite seines Lebens und Schaffens abdecken und die sich hier finden lassen: Humphrey Carpenter, The Letters of J. R .R. Tolkien, HaperCollinsPublishers, London 1995.
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8) Diesen Widerspruch in sich verzeihe man mir; ich versuche damit nur auszudrücken, dass der Mensch vielfach in Klassen- oder Rassenkategorien denkt, sie deswegen aber zum Glück nicht fortwährend zur Grundlage einer Vernichtungsideologie macht.
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9) The Letters ..., p. 37.
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10) Ebd.
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11) Ebd. p. 93.
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12) "You can't fight the Enemy with his own Ring without turning into an Enemy; but unfortunarely Gandalf's wisdom seems long ago to have passed with him into the True West ...." Ebd., p. 94.
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13) Ebd., p. 73
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14) Ebd., p. 375.
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15) Reine Erwähnungen der Begriffe ohne Bezug auf unsere Fragestellung lasse ich außen vor. Nur als Hinweis, falls jemand bei den jeweiligen Stichworten in den Briefen nachsehen möchte und sich wundert, warum nicht alle Seiten Berücksichtigung fanden.
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16) Vgl. zum Beispiel The Letters ..., p. 178 und p. 190f.
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17) Ebd., p. 195.
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18) Ebd., p 274.
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19) Ebd., p. 191.
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20) Ebd., p. 241.
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