Trenner


So, da ich meinen Urlaub gerne kreativ verbringe, ist mal wieder ein Essay fällig. Zum einen ist es aus dem Neid der Besitzlosen (oder besser Reviewlosen) geboren und zum anderen einfach aus Interesse an einer Materie, die einem in praktisch jedem Fandom über den Weg läuft. Und da sich in meinem Forum um das behandelte Thema sehr interessante Diskussionen entsponnen haben, konnte ich den Text jetzt überarbeiten. Mein Dank geht an alle Ideengeber. Auch wenn sie nicht namentlich genannt sind, sollten sie ihre Anregungen im Text wiedererkennen.
Ich bemühe mich übrigens diesen Essay jugendfrei zu halten, aber den einen oder anderen einschlägigen Begriff werde ich zwangsläufig nutzen müssen. Das sollte jedoch zu überleben sein. ;)
Wenn in der überarbeiteten Fassung nunmehr ausschließlich von Autorinnen die Rede ist, dann wird dies dem Umstand geschuldet, dass sie ihre männlichen Kollegen zahlenmäßig bei weitem übertreffen - und eine erotische Fanfiction von einem Mann ist mir bis dato noch nicht über den Weg gelaufen.
Ach ja, ich bin mal wieder (immer noch) rein subjektiv und vollkommen unfair.
Und nun Vorhang auf für:


Fanfiction, Sex und Mittelerde
oder
Das Ende der Unschuld


Wer sich im Internet auf den bekannten oder weniger bekannten Seiten zum Thema Fanfiction umsieht, Google bemüht oder Links folgt, wird sicherlich schon über Geschichten gestolpert sein, die sich im wesentlichen nur um das Eine drehen.
Netterweise wird in der Regel auf den delikaten Inhalt hingewiesen, so dass unwillige Leser einen Bogen machen können, sofern sie sich mit den spezifischen Begriffen auskennen, die in der Regel auf Englisch vor Het und Slash, Rape, Bondage und anderen Seltsamkeiten warnen. (Wenn nicht. Tja, Pech gehabt. So kommt der ahnungslose Leser wenigstens zu einem interessanten Aha-Erlebnis.) Wer jedoch willentlich eine Vorstellung dieses Spektrums der Fanfiction gewinnen möchte, wird vermutlich mutig den Sprung ins kalte Wasser wagen.
Ich habe es vor einiger Zeit getan - und zugesehen, dass ich das rettende Ufer so schnell wie möglich wieder erreiche. Denn die Fische, denen man im schmutzigen Wasser eines schier unendlichen Ozeans begegnet, können gehörig beißen.

Nach diesem Ausflug tauchten bei mir eine Reihe von Fragen auf, die an Zeitmäßigkeit nichts eingebüßt haben und die ich hiermit einfach in den Raum stelle. Einige versuche ich ansatzweise zu beantworten (und konnte neue Erkenntnisse hinzuziehen); einige wird mir vielleicht die eine oder andere Leserin dieses Essays ergründen helfen, die Damen sollten nämlich am ehesten zu einer Auskunft fähig sein (falls sie es nicht vorziehen, mir für meine Polemik einen Tritt in den Allerwertesten verpassen zu wollen).
Kritik an besagten Geschichten wird nämlich nicht gerne gesehen und somit auch kaum dankend angenommen. Scheinbar legt man damit den Finger in eine offene Wunde, die in die Tiefen an sich harmloser, weiblicher Seelen reicht. Wäre ich Psychologin würde ich hier ein Forschungsfeld erblicken.

Holen wir mal ein wenig aus und schauen uns um, was es so alles zu finden gibt. Ich beziehe mich jetzt allein auf den Bereich der Tolkien-Fanfiction (deutsch- und englischsprachig) und fasse grob zusammen.
Wir hätten da

    Männlein/Weiblein,
    Männlein/Männlein,
    Weiblein/Weiblein,
    "normalen" Sex, (die Partner passen in etwa anatomisch zusammen),
    "unnormalen" Sex (ein Troll und ein Hobbit oder etwas in der Richtung),
    romantische Affären mit Erotik gewürzt,
    inhaltsleeres "Rein und Raus",
    Vergewaltigungen oder Gewalt jeglicher Art vor, beim und nach dem Akt,
    Inzest (am beliebtesten zwischen Brüdern),
    erste Male oder ewige Beziehungen,

und das alles in sämtlichen möglichen und unmöglichen Variationen, die der Geschlechtsverkehr zu bieten hat; vorzugsweise bis ins Kleinste ausgemalt (die Autorinnen, die etwas auf sich halten, umschreiben mehr oder weniger dezent den Sachverhalt, dass zwei oder zig Personen/Wesen Körperflüssigkeiten austauschen - es handelt sich aber immer noch um das Eine!).

Wer als Schreiberling mit etwas Phantasie gesegnet ist, kann ein endloses Feld beackern, auf dem sich durchaus Geschmackvolles anbauen ließe, wenn es denn wenigstens von einem Meisterkoch angerichtet werden würde.
Doch halt, was sage ich da?
Meine Damen, diese Geschichten können wir dann allerdings (gleich den eh verschmähten "0815-Schmuddelstorys") nicht mehr als originäre Tolkien-Fanfiction gelten lassen, in der es sich - dem Vorbild entsprechend - um Konflikte, Freundschaft und Feindschaft, charakterliche Entwicklung und Selbstaufgabe, Abenteuer oder Dramen drehen sollte, aber nicht um "Wer hat mit Wem, Wie und Warum?" und das Ganze möglichst plastisch/drastisch. Die Geschichte kann noch so gut recherchiert sein, thematisch mitreißen, bis ins kleinste Detail dem entsprechen, was Tolkien entworfen hat, stilistisch umwerfend geschrieben sein ..., sie bleibt eine Wunschvorstellung außerhalb des gültigen Rahmens, denn bei Tolkien gibt es keine Pärchen in Aktion, ganz gleich in welcher Variante.

Leider, leider scheint die Leserschaft weniger an ausgefeilten literarischen, kanonischen Ergüssen interessiert zu sein, als an denselben in ganz profaner Weise. Und sie tut es durchaus mit Nachdruck kund!
Es lässt sich beobachten, dass die Autorinnen sehr darauf achten, wie das Publikum reagiert; fordert das ein "Ja, gib's ihr, weiter so!", dann wird die arme Maid eben ein viertes oder fünftes Mal vergewaltigt. Legolas erschöpft sich in seiner dreitausendfünfhunderteinundsiebzigsten Gespielin, denn über solche Beziehungen freut sich natürlich auch die Leserschaft. Oder die Geschichte nimmt eine ganz andere Richtung, als die Autorin eigentlich beabsichtigt hat, weil die Leserinnen ihre eigenen Vorstellungen einbringen wollen. Und welche kluge Autorin verscherzt es sich mit ihrer Anhängerschaft, indem sie nicht mitzieht? Sie schielt halt immer mit einem Auge auf die Reviews und hängt ihr Fähnlein in den Wind, der zunehmend rauer weht. Man kann es ihr nicht einmal verdenken. Jeder schreibt letztendlich auch für die Leser und freut sich über ihre Reaktionen; umso heftiger ist dann die Enttäuschung, wenn sich herausstellt, dass bestimmte Geschichten eindeutig besser ankommen - und die Verlockung groß, es doch auch einmal zu versuchen.
Es lohnt sich für alle Beteiligten.
Da reiht sich Höhepunkt an Höhepunkt (bei den Plot what Plot Geschichten), oder es wird als Appetitanregung um den heißen Brei herumgeschrieben, nur um am Ende die Zielgerade mit einem Feuerwerk zu erreichen, das für heiße Ohren und rote Wangen sorgt. Es wird verführt, gezwungen, gefesselt, horizontal die Natur erkundet, geliebt und gelitten, Wachs und Dolche kommen zur Anwendung ... und vieles mehr.
In allen Fällen - subtil oder ungeschminkt - geht es um Sex.
Punkt.
(Die klassischen Liebesgeschichten, die es der Vorstellungskraft der Leser überlassen, aus Andeutungen mehr zu machen, gibt es natürlich auch, doch die fallen nicht unter unsere Thema.)

Nun gehört der Sex ja zum Leben dazu, was im Prinzip nicht verwerflich ist. Er ist allgegenwärtig, und auch wenn er uns heutzutage an jeder Ecke anspringt, verwundert es mich doch, dass er in einem so unverfänglichen Bereich wie der Tolkien-Fanfiction zu finden ist.
Man halte sich vor Augen:
Ein würdevoller und unverdächtiger englischer Professor für Sprachen schreibt in langen Jahren ein Werk, das sich zum Kultbuch mausert und Generation um Generation zu begeistern vermag.
Und weshalb?
Weil die Liebesszenen so deftig sind?
Bewahre.
Tolkiens konservativ-katholische Erziehung, sein gesamter gesellschaftlicher und kultureller Background, wie man heute sagt, standen gegen so etwas. Und kommt mir nicht mit dem Argument, er habe in verdächtiger Weise Männerfreundschaften gepflegt. So etwas soll es sogar heute noch geben, ohne dass die Jungs irgendwann miteinander etwas anfangen. Und was ist mit uns, meine Damen? Ist die beste Freundin auch gleichzeitig die liebste Bettgenossin, weil sie eben weiß, was Frauen wirklich wollen? Wohl eher nicht.
Es ist dem Professor schlicht gelungen, eine ergreifende Geschichte zu erzählen, die ohne Sex auskommt. (Keine Sorge, ich revidiere dieses Urteil später ein klitzekleines Bisschen. *g*)

Und dennoch, wer sich ein wenig umsieht, trifft auf Aragorns, die keinen Rock (oder keine Hose) verschmähen, Boromirs, in deren starken Armen die Damen dahinschmelzen (oder die Herren).
Frodo und Sam frönen ihrer Homosexualität, die man ihnen des öfteren auch im Rahmen einer Werkinterpretation andichtet, Merry und Pippin sind ebenfalls recht beliebt, Elrond (wussten wir ja schon immer, dass der olle Heuchler Celebrían nur zur nachträglichen Tarnung geheiratet hat) vergnügt sich mit Gil-galad oder Glorfindel, dessen feurige Liaison mit einem von Morgoth' Schergen offensichtlich nicht genug Pepp hatte, Elronds Söhne finden gefallen aneinander, Galadriel schubst Haldir nicht von der Bettkante, und den armen Legolas lassen wir mal ganz in Ruhe ...
Aber das ist bei weitem noch nicht alles.

Auch die Altherrenriege und die eher Unschönen kommen zu ihrem Recht.
Was gibt es wunderbareres für einen Nazgûl, als mit einem anderen ..., oder besser noch mit Sauron (der eigentlich seit geraumer Zeit als symbolhaftes, flammendes Auge durch die Welt geistert)? Es ist ja auch bei weitem interessanter, nicht so sehr den Ringen die Schuld an der Abhängigkeit der Menschen vom Bösen zuzuschreiben (und in erster Linie den gefallenen Herren selbst, weil sie einfach zu gierig waren), sondern der besonderen Attraktivität des Dunklen Herrschers. Der will seine Nazgûl nach getaner Verführungsarbeit natürlich weiterhin auch körperlich beherrschen. (Übrigens ein geschicktes Argument, um die Angst der Ringgeister vor Feuer zu erklären. Macht da mal bitte jemand eine Fanfiction draus?) Und da beide Parteien nicht mehr ganz taufrisch sind, begnügt man sich zwangsweise miteinander.
Falls eine Mary Sue (oder ein anderes weibliches Wesen) in der Nähe ist, wird die aber auch nicht verschmäht. Da macht das Leben als Ringgeist endlich etwas Freude. Gönnen wir's den Jungs, sie haben ja sonst nichts. Und Sauron kann doch unmöglich so häufig alleine in seinem Turm hocken (die Neun haben schließlich auch noch zu arbeiten), das wird auf Dauer langweilig - und da wir davon ausgehen können, dass die Bösen irgendwie auch immer die potenten sind, müssen die Säfte nun mal fließen.
Gandalf vergreift sich an Frodo, und Saruman an seinem Palantír. Tja, Istari sind auch nur Menschen, denen ihr Gehirn ab und an in die Hose, pardon, das Gewand rutscht und dort für Aufruhr sorgt.
Orks mögen Elben, Zwerge mögen Hobbits, (zumindest von der Größe her keine schlechte Wahl), Balrogs mögen so ziemlich alles, wenn gerade kein Glorfindel zu Hand ist. (Soll ich weitermachen?)

Der Beispiele sind wohl genug, um deutlich werden zu lassen, dass sich hier ein eigenständiger Bereich von Fanfiction in der Fanfiction gebildet hat, der seinen Leserkreis findet: die erotische oder pornographische Fan-Geschichte, die so manchen Sittenwächter glatt vom Stuhl hauen würde, und die dürften einiges gewöhnt sein (die Sittenwächter, nicht die Stühle).
Ich will jetzt gar nicht darauf eingehen, seit wann das so ist, weil ich es nicht weiß und jedes Fandom da einen anderen "Zeitrahmen" aufweist und ich nicht den Überblick habe. Fakt ist jedoch, dass im Prinzip weder Buch, noch Film, noch Band, noch Computerspiel etc. verschont werden, über die es Fanfiction gibt 1)
Also, wenn Fanfiction, dann mit der spezifischen und äußerst gern goutierten Unterart Sex/Erotik, die für das nötige Prickeln bei den Lesern sorgt.

Aber diese Form der Fanfic (sic!, ein Schelm, wer Böses dabei denkt) hat noch einen weiteren Nebeneffekt; diesmal für die Autorinnenschaft.
Denn wie heißt es doch so schön: Sex sells.
Oder im Falle der Fanfiction: Sex lockt die Leser an und animiert sie - unter anderem zu Feedback. ;)
Begeisterte Kommentare in Massen (was schon einiges heißen will, bei der gefürchteten Reviewfaulheit der stillen Mitleser) und man meint fast, das mädchenhafte oder befriedigte Kichern aus ihnen herauslesen zu können. Männliche Leser äußern sich meines Wissens nach fast nie, vielleicht weil sich ihr Frauenbild dann fatal verschieben würde und sie lieber einen Bogen um die deftigen Geschichten machen, wenn sie einmal gemerkt haben, wie heftig zwischenmenschliche, -elbische und -wasauchimmer Begegnungen ausfallen können.

Es gibt schon zu denken, wenn eine P-18/NC-17/Nur für Erwachsene-Geschichte Dutzende von Reviews auf sich vereinigen kann, während andere Geschichten scheinbar unbeachtet in der Versenkung verschwinden. (Ja, ich gestehe, da spricht von meiner Seite aus der blanke Neid ein Wörtchen mit. *g*)
Die Nachfrage regelt das Angebot. Oder war es umgekehrt?
Wie auch immer ...
Ein weiterer Grund für die Autorinnen könnte dieser hier sein: In unserer Gesellschaft ist trotz aller Freizügigkeit in den Köpfen der Menschen die Vorstellung herrschend, dass frau zumindest sich in Sachen Sex/Pornographie vornehm zurückhält, sofern sie nicht ihr Geld damit verdient.
Lieschen Müller ist brave und biedere Mutter - nach außen hin. Im Schutze ihres Pseudonyms allerdings tut sie Sachen, die sie im wirklichen Leben niemals in Erwägung ziehen würde und für die sie vermutlich im Freundes- und Bekanntenkreis im besten Fall nur unverständiges Kopfschütteln ernten würde. Sollte dann auch noch der Chef von der Sache Wind bekommen, wird es richtig peinlich. Daher versucht Lieschen sich heimlich - und vielleicht mit einer Portion Nervenkitzel, denn es könnte ja doch jemand Lunte riechen - an etwas Ungehörigem, findet Gefallen daran und eine recht große Gruppe von Gleichgesinnten (die doch nur beweisen, dass Frauen keineswegs anders ticken als Männer und wir die Geschichte der Sexualität umschreiben müssen).
Was will man mehr?

Wir können also nicht von der Hand weisen, dass sich die meisten Geschichten, in denen es mächtig zur Sache geht, großer Beliebtheit erfreuen; wenn die Autorin sich etabliert hat, müssen wir hinzufügen, denn es dümpeln auch etliche Geschichten, die zwar den richtigen Inhalt, aber die "falsche" Autorin haben, relativ unbeachtet vor sich hin, wie ich mit einigem Erstaunen erst kürzlich festgestellt habe. Selbst hier wird also eine Selektion betrieben, die auf Cliquenwirtschaft hindeutet. (Das ist allerdings Stoff für einen eigenen Essay; hat jemand Lust?)
Bei den beliebten Storys spielt es noch nicht mal eine Rolle, ob sie gut geschrieben sind oder mit Lächerlichkeiten aufwarten können, seien sie sprachlich oder inhaltlich.
"Liebeshöhlen" und "Lustspeere" sind da noch von der harmlosen Sorte, wenngleich ziemlich merkwürdig, klingen aber allemal eleganter als Penis oder Vagina, die in Anatomiebücher passen, aber in einer Fanfiction nicht viel hergeben oder Ausdrücke aus der Vulgärsprache, die anscheinend doch zu plastisch sind, zumal ihnen noch immer der Gossengeruch anhaftet.2)
Der Fabulierkunst sind jedenfalls keine Grenzen gesetzt; und manchmal weiß der Leser nicht ob er nun lachen oder weinen soll, wenn er vor lauter Erregung überhaupt noch zum Denken kommt.


Allzu häufig bleibt auch die Logik auf der Strecke.
Mich erstaunt immer wieder mit welch einem Standvermögen die Männerwelt ausgestattet sein muss, wenn es sofort und überall und überhaupt ununterbrochen funktioniert. Durchhänger sind äußerst selten und die richtige Stimulation behebt das Problem. Impotenz - auch temporaler Art - ist in Mittelerde ein Fremdwort.
Mann hat vielleicht gerade eine Schlacht hinter sich; kein Thema, denn Erschöpfung, was ist das denn? Ganz zu schweigen vom Stress, den ein solches Ereignis mit sich bringt, und der der Libido doch eher abträglich ist. Und doch wird die Hitze des Gefechts in die Hitze des Liebesaktes überführt. (Meckert da jemand, dass ich zu viel Logik verlange?)
Auch die Damen sind zumeist äußerst willig, wenn ein Prachtexemplar des anderen Geschlechts (oder des eigenen) daherkommt. Falls nicht ... was soll's. Dann tut man ihnen eben Gewalt an, und bei der Gelegenheit "betrügt" sie ihr Körper ganz einfach, damit es schlussendlich allen Beteiligten Spaß macht. (Dass Männer ebensowenig vergewaltigt werden wollen, sollte wohl klar sein.) Dieses Betrugsmotiv laste ich übrigens keineswegs nur den Hobbyautorinnen an. Etablierte Schriftstellerinnen nutzen es ebenfalls; und die kriegen auch noch Geld dafür.

Liebe Leute, schaltet euren Gripskasten an, bevor ihr diesbezüglich mit dem Schreiben beginnt.
Weitere Kommentare sind hier hoffentlich nicht nötig.
Aber ein Erklärungsversuch. Sexualität verkommt immer häufiger zu Leistungssport, so will mir scheinen. Oder es wird zumindest versucht, das Letzte herauszuholen. Der Mann muss einfach können - die Medien suggerieren es - und je öfter, desto besser. Die Frau gilt als frigide, wenn sie sich dem werten Partner nicht mindestens auf dem Küchentisch, dem Sofa, in der Badewanne, im Auto, im Grünen und im Bett hingibt; vorzugsweise an einem Tag. Wir wissen eigentlich alle, dass die Realität in den seltensten Fällen so aussieht. Aber stört uns das? Da helfen auch keine soziologischen Studien, die belegen, dass die Häufigkeit des Geschlechtsverkehrs in deutschen Landen in den letzten Jahrzehnten abgenommen hat. Wir tun munter weiter so, als ob die Libido das alles Entscheidende im Leben ist.
Warum sollte es bei der Fanfiction anders sein?
Schneller, länger, härter, so könnte man es umschreiben. Und um der Sensation willen wird das Ganze mit einer Prise Gewalt gewürzt.

Da sind sich zwei noch nie begegnet, aber fallen im erstbesten Moment übereinander her; nun, das passiert auch im richtigen Leben gelegentlich. (Hoffentlich entsprechend präpariert, denkt an die vier berühmt-berüchtigten Buchstaben! Für die, die es noch nicht gehört haben: AIDS. Und es gibt auch einige "nette" Geschlechtskrankheiten.)
Aber warum bitteschön in Mittelerde? Einer mittelalterlich anmutenden Welt, in der man sich auf eine Angebetete festlegt, ihr Ständchen bringt und sie von Ferne anhimmelt oder in der frau dem Geliebten die Unsterblichkeit opfert. Quickies zwischen sich Unbekannten sollte man da doch eher mit der Lupe suchen müssen.
Ebenso das ganze Feld der Homoerotik. Ein beliebtes Argument ist im Hinblick auf die Elben ihre altersbedingte Toleranz; wobei schon kritisch zu fragen ist, ob Alter tatsächlich toleranter macht. Wer Tausende von Jahren auf dem Buckel hat, soll sexuellen Spielarten demnach offener gegenüberstehen. Nun gut. Aber, bei Tolkien sind Elben monogame und heterosexuelle Wesen; egal, was wir uns für sie wünschen, damit das lange Leben sie nicht müde macht. Und sie hüpfen nicht munter durch die Betten und spielen "Bäumchen wechsel dich" - was ein Großteil der deutschen Bevölkerung auch vermeidet. Sex wird überwiegend in einer festen Partnerschaft praktiziert.
Oder nehmen wird Frodo und Sam. Die beiden sind zunächst einmal Herr und Diener, die sich um Laufe einer lebensgefährlichen Reise zu Freunden entwickeln; wobei Sam wirkliche Hingabe zeigt.
Ist es nicht zu schaffen, hier tatsächlich "nur" Freundschaft und auch Liebe/Zuneigung zu sehen, die eben nicht immer erotisch motiviert daherkommt?

Auch die herrschenden, ratgebenden Charaktere in Tolkiens Universum bleiben "geschlechtslos": würdevolle Könige zum Beispiel, weise Elben ... Bei Tolkien haben sie unter ihren langen Roben eine ganze Menge; aber Leute, ihr erdenkt euch Gestalten wie Elrond beim Lesen/Schreiben doch nicht, um euch als erstes (o.k., meinetwegen auch als zweites) den Kopf darüber zu zerbrechen, wie denn das beste Stück des werten Herrn wohl beschaffen ist und was er damit alles anstellen kann! Das geht eigentlich nur ihn und Celebrían etwas an.
Sind wir in unserer modernen Gesellschaft nicht schon übersättigt genug, was sexuelle Reize angeht? Wir sollten vermeiden, sie überall krampfhaft zu suchen. Irgendwann wird der letzte Kick erreicht sein und dann fällt das Sex-Gebäude in sich zusammen, der Spaß ist futsch und es gibt lange Gesichter.

Wieso muss sich ein Théoden mit Gríma vergnügen, ein Aragorn mit Boromir, eine Arwen mit Galadriel? Der Beispiele sind viele, und darunter gibt es nicht wenige wirklich unappetitliche.
Was haben wir noch?
Ach ja - der Inzest.
Herrschaften, es gibt einen biologischen Grund, warum man keinen Inzest betreibt, auch wenn gewisse Juristen angesichts realer Fälle mittlerweile anders plädieren.3)
Darüber hinaus hat man vielleicht auch mal was von gesellschaftlichen Konventionen gehört, die ein Regelwerk des Zusammenlebens bieten, ohne das es eben nicht geht; Zivilisation hin, Moderne her.
In der Fanfiction werden sie allesamt ausgehebelt.
Leute, ich muss es offen sagen, aber manches ist wirklich krank! Besonders, wenn dann noch die Gewalt ins Spiel kommt - egal, ob sie nun Männlein oder Weiblein angetan wird.

Fragen wirft für mich auch die Tatsache auf, dass die akribische Darstellung eines Geschlechtsaktes zwischen Männern durch Autorinnen bedeutend häufiger zu finden ist, als die weibliche Variante oder die anatomisch korrekte.4)
Mädels, wie schafft ihr es, so etwas bis ins Detail zu beschreiben? Erfahrungswerte liegen ja logischerweise nicht vor. Was um alles in der Welt bringt euch zu der Annahme, dass die Herren einen G-Punkt im Popo haben? Die kämen ja gar nicht mehr von der Toilette herunter, wenn das solchen Spaß machen würde.5)
Außerdem müssen wir Frauen doch etwas besitzen, was die nicht ins Feld zu führen vermögen - ach ja, wir können unseren Orgasmus vortäuschen. (Das ist ironisch gemeint. Die Wirklichkeit treibt noch tollere Blüten, zum Beispiel, wenn die Herren der Schöpfung sich mit einem Staubsauger vergnügen und dafür in der Notaufnahme landen.)

Überhaupt, viele Autorinnen setzen eine Menge artistisches Geschick voraus. Es müsste zuhauf delikate "Unfälle" geben, wenn sich der Mann in Natura zu so etwas hinreißen lassen würde, was manche Geschichten bieten. Knochenbrüche dürften da noch zu den harmloseren Sachen gehören.
Aber Polemik beiseite ...
Was ist für eine Frau so interessant daran, Männer kopulieren zu lassen, darüber zu lesen/zu schreiben?
Dass die im Gegenzug schon eine entblößte Frauenbrust in Fahrt bringt, ist ja gemeinhin bekannt, aber dass die Damenwelt Gefallen an zwei fortpflanzungstechnisch notwendigen (und noch nicht einmal sonderlich hübschen) Anhängseln in Aktion findet ... (Jetzt hat sich die Polemik doch wieder eingeschlichen. Pfui!)
Könnte es eine Art späte literarische Rache an Jahrtausende langer Unterdrückung durch das starke Geschlecht sein? Ein Haldir in Ekstase bei der Vergewaltigung eines Legolas hat schon etwas, denn im Endeffekt werden beide durch die Autorin dominiert, die mit ihnen machen kann, was sie will (weil keiner "Halt!" schreit) - und das auch noch unter dem Beifall des Publikums.

Vermutlich hat es aber einen ganz anderen, profanen Grund: Frauen besitzen eine ebenso schmutzige Phantasie wie Männer; die schreiben nur seltener in Fanfictions darüber, weil es reale Alternativen zum Ausleben des Triebes gibt, die sich Hustler oder Playboy oder Bordellbesuch nennen und die der Mann heutzutage ohne Scham in Anspruch nehmen kann.
Das alles erklärt allerdings nicht die Vorliebe von Autorinnen, ihre Protagonistinnen leiden zu lassen, vorzugsweise sehr übel. Schon interessant zu verfolgen, was Frau der anderen auf dem Papier zumutet. Gibt sie sich so die Befriedigung, der Konkurrenz eins ausgewischt zu haben, wenn das in Natura nicht zu schaffen ist, weil sie die Mühen für einen Zickenkrieg scheut? Und der Gegnerin in der Regel (da haben es die Männer einfacher) keinen Hieb auf die niedliche Nase verpassen kann (die zarten Hände würden leiden und darüber hinaus gehört sich das nicht). Stellvertretend darf dann Mary Sue oder eine andere Dame erfahren, wie der Frust sich seine literarische Bahn bricht, weil die Tussi aus der anderen Klasse dem eigenen Boyfriend wieder schöne Augen gemacht hat.
Weibliche Solidarität sieht anders aus. (Ja, ja und ich träume weiter von einem feministischen Utopia.)

Und wir sind wieder beim Thema.
Fanfiction möchte ich in diesem Zusammenhang als eine Realitätsflucht betrachten, die sich im Falle von Tolkien, der mit seinem Werk ja schon eine alternative Welt geschaffen hat, auf eine noch abstraktere Ebene begibt, die mit der eigentlichen "Scheinrealität Mittelerde" kaum mehr etwas zu tun hat. In der Sprache der Fanfiction gesagt: der Rahmen des Kanons wird definitiv verlassen.
Hier bietet sich ein Platz zum Austoben für die Phantasie der zumeist weiblichen Autoren und ihrer ebenso weiblichen Leserschaft, beide häufig jüngeren Semesters.
Ich will gar nicht bestreiten, dass es die erwachende und sich formende Sexualität ist, die für den richtigen Kick sorgt, damit man über Sex zwischen Legolas und Mary Sue oder Aragorn und Arwen oder Elladan und Elrohir oder oder oder ... nur liebend gerne liest oder schreibt.
Andererseits sind auch gestandene Frauen schon als Sex-Autorinnen gesichtet worden, was die Teenager eindeutig entlastet und aus ihrer Schublade herausholt, aber die Pubertätstheorie wieder ins Wanken bringt. Nur frage ich mich, weshalb Wünsche oder Sehnsüchte auf fiktive Gestalten übertragen werden, denn das sind Buchcharaktere nun mal.
Die meisten Leser haben im Laufe der Zeit ganz eigene Vorstellungen zum Beispiel von Aragorn oder Legolas entwickelt, die doch keinesfalls bei jedem übereinstimmen können. Und dennoch sind sich Autorinnen und Leserinnen gerade auf dem Gebiet Sex/Erotik erstaunlich einig, was die Charakterdarstellung anbelangt.
Oder sollte ich das "erstaunlich" streichen?
Zwei Gründe ließen sich anführen:

    - gerade in diesen Geschichten treffen sich die Wunschvorstellungen pubertierender Mädchen und etwas weniger offensichtlich schmachtender Frauen; der gemeinsame Nenner ist also zwangsläufig vorhanden (so wie das weibliche Geschlecht auf Kommando bei Robbie Williams kreischt) und
    - es geht nicht um Buch-Aragorn oder Buch-Legolas; womit wir die Verfilmung des Herrn der Ringe erreicht hätten.

Denn Aragorn, Legolas und all die beliebten Gestalten haben durch die Verfilmung ein fleischliches Pendant gefunden; in den meisten Fällen jedenfalls. Ich bin der Überzeugung, dass sich viele Autorinnen und Leserinnen Orlando Bloom oder Viggo Mortensen vorstellen, wenn von Legolas oder Aragorn die Rede ist. Auch Craig Parker erfreut sich - trotz kleiner Rolle - großer Beliebtheit. Diese Männer werden von vielen Frauen auch in der Realität als zum Reinbeißen empfunden, die Trennung zwischen Film/Buch und Wirklichkeit wird in den Geschichten verwischt, wenn nicht gar aufgehoben.
Vielleicht hat mal jemand Lust und Muße und erforscht den möglichen Zusammenhang zwischen dem Aufkommen von Sex/Erotik in der Fanfiction und einer vorangegangenen Verfilmung. Mir will nämlich scheinen, dass dieser Zusammenhang erheblich ist.
Insofern richtet sich das weibliche Begehren mehr auf die Schauspieler als auf Tolkiens Figuren, was mich einigermaßen beruhigt, fällt dieses Phänomen doch in die Gruppe Schwärmerei für lebende Wesen (Schauspieler oder Musiker, Boygroups etc.). So etwas kennt jede(r) aus der Jugend. Und auch in gesetzteren Jahren ist Schwärmen erlaubt.
Allerdings ist die Ausprägung nicht immer von sexuellen Wunschvorstellungen bestimmt.6)


Weitaus mehr Bauschmerzen bereitet mir, dass das Ausleben der Phantasie häufig in extremer Weise geschehen muss und dass sich, aus Gründen der Individualität und Konkurrenz (man hebt sich nun mal nur durch erinnerungs"würdige" Szenen aus der Masse an Geschichten heraus, die das Internet bevölkern und die täglich mehr werden), immer noch ein Quentchen drauflegen lässt.
Ist nicht irgendwann eine Schmerzgrenze erreicht? Da, wo es um Vergewaltigung geht, um Erniedrigung ...?
Ich bin keineswegs prüde und weltfremd und mündig genug, die von mir angeprangerten Geschichten nicht zu lesen und mich folglich auch nicht über sie zu wundern/zu ärgern.
Ich will auch niemanden als selbsternannte Moralwächterin verurteilen. Was andere Leute in sexuellem Einverständnis miteinander anstellen, ist mir absolut egal. Ebenso, ob sie nun feuchte Träume haben, wenn sich vor ihrem geistigen Auge die Elben oder die Hobbits vergnügen.
Nicht egal ist jedoch, dass erotische/pornographische Gewaltphantasien enormen Anklang finden, in aller Öffentlichkeit also das gutgeheißen wird, was andererseits gesellschaftlich zu Recht geächtet ist. Sicher, nur den Charakteren in ihren Geschichten widerfährt ja etwas, keiner realen Person, alles ist erfunden und tut nicht wirklich weh ... Das ist wie im Film; der kugeldurchsiebte Akteur steht wieder auf, wenn die Klappe fällt.
Doch: Was für ein Licht wirft diese Lust an der Lust, gepaart mit Gewalt und Qualen auf uns zurück, die wir solche Dinge schreiben und lesen?
Vielleicht regt dieser Essay ein wenig zum Nachdenken an.

*

Um meine persönliche Haltung noch etwas näher darzulegen, plaudere ich abschließend ein bisschen aus dem Nähkästchen, denn meine Wenigkeit war ganz zwangsläufig mit zunehmender Begeisterung am Schreiben und der Entdeckung des Internets auf die besagten Geschichten gestoßen.
Wenn auch nicht im Bereich Mittelerdes, sondern in einer Galaxis, weit weit entfernt: dem Star Wars Universum. Auf meiner Suche nach guten Geschichten kam ich in den englischsprachigen Raum. Eine vertrauenerweckende Website empfing mich mit einer großen Auswahl an vielversprechenden Geschichten. Von Rating und dem kryptischen m/m hatte ich keine Ahnung und schnappte mir die erstbeste Geschichte, die mich von der Zusammenfassung her, die nichts verriet, interessierte: Qui-Gon Jinn traf auf Darth Maul. Aber wie! Aus einem Lichtschwertkampf wurde etwas ganz anderes. Ich begriff anfangs gar nicht was los war (ein englisches Wörterbuch half über die Verständnisklippen hinweg ) und dann war ich so peinlich berührt, dass ich meinen Rechner ein paar Tage nicht mehr anfasste. Das nächste Mal online hielt ich die Augen offen, und war nicht wenig erstaunt, dass es nach meinem Empfinden mehr Fanfiction mit sexuellen Inhalten gab, als "normale" Geschichten. Und dieser Überzeugung bin ich auch heute noch.

Mit dem Hype um die Verfilmung des Herrn der Ringe schoß auch die Tolkien-Fanfiction aus dem Boden, und hier bot sich das gleiche Bild: geile Elben, willige Menschen, vergewaltigende Orks (ich weiß, dass ich verallgemeinere, Leute).
Nun habe ich persönlich eine ganz bestimmte Einstellung zu solchen Dingen. Sie passen einfach nicht zu Tolkien, zum Herrn der Ringe, zum Silmarillion ...
Der Professor hat mit dem Herrn der Ringe ein Epos über Krieg und Frieden, Gut und Böse verfasst, keinen Liebesroman, auch wenn es unter anderem um eine Liebesbeziehung geht, wie sie tiefer nicht sein kann - die zwischen Aragorn und Arwen.
Was Arwen und Aragorn in ihrer Hochzeitsnacht und den Nächten danach getan haben, findet seinen Ausdruck einzig und allein in der Tatsache, dass aus dieser Verbindung Kinder hervorgegangen sind. Sam und Rosie wären ein weiteres Beispiel.
Das reicht und ist selbsterklärend.
Weshalb sollte man es dann noch in allen Einzelheiten beschreiben? Und selbst wenn Tolkien es getan hätte: ist einmal nicht genug? Ein Liebesakt bleibt im Ergebnis immer ein Liebesakt. Weiß ich einmal wie Arwen und Aragorn es gemacht haben, dann sollte schon die zehnte Variante langweilig sein, ganz zu schweigen von der tausendsten.

Tolkien zeigt uns auf seine subtile Art, dass er den Bereich zwischenmenschlicher Beziehungen durchaus in seiner Vielfältigkeit kannte, denn auch der Entzug von körperlicher Liebe als Ausdruck milder Verachtung findet sich als Thematik bei ihm; man lese sich die Geschichte von Aldarion und Erendis durch und halte die Augen nach Hinweisen ein wenig offen.
Bedenken sollte man ebenfalls, dass er sich durchaus nicht scheute, von Nacktheit zu schreiben. Die verwirrte Nienor reißt sich auf ihrer Flucht vor den Orks die Kleider vom Leib und in ihrer Blöße wird sie von Túrin, ihrem Bruder, gefunden. In Unkenntnis ihrer engen Verwandtschaftsbeziehung vermählen sich die beiden und Nienor wird schwanger. Das geschmähte Inzestmotiv finden wir also beim Meister selbst, aber es gibt einen großen Unterschied zu den Fanfictions – um es mit Glaurungs Worten an Nienor zu sagen: "Die schlimmste von all seinen [Túrins] Taten aber spüre du im eignen Leibe!"8)

Hier wurde, wenn auch unwissentlich, eine schwere Sünde begangen und Tolkien sah es so, denn sonst hätte er kaum von der schlimmsten Tat geschrieben. Er hätte sie mit Unwissenheit, Unabsichtlichkeit entschuldigen können, hat es aber nicht getan. Von der Lust am Verbotenen und am Sex zwischen nahen Verwandten keine Spur.


Ich drücke es mal so aus: Sex ist bei Tolkien nicht ausgeklammert, aber er findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Er ist etwas privates, intimes, das niemand anderen etwas angeht.
Ich persönlich möchte meinen Nachbarn ja auch nicht beim Sex zuschauen; ebensowenig habe ich Interesse daran, selber auf dem Präsentierteller zu landen. Das Gleiche gilt für Tolkiens Figuren. Es gibt nun mal gewisse Grenzen, deren Überschreitung bei mir dazu führt, dass sich das Bild, das ich mir von diesen Charakteren gemacht habe, verschiebt, dass ihnen die Unschuld in einem übertragenen Sinne genommen wird.
Wenn man so will, dann wehre ich mich dagegen, dieses "Idealbild" durch Geschichten zerstören zu lassen, die die Protagonisten aus ihrer Privatsphäre reißen und sie so letztlich ihrer Würde berauben, die sie auf eine Weise erniedrigen (Vergewaltigung, Folter), die man einem wirklichen Menschen nicht im entferntesten zumuten möchte und für die man im richtigen Leben strafrechtlich belangt wird!

Unter diesem Blickwinkel ist es vielleicht nur von Vorteil, dass Geschichten ein Ventil für solche Phantasien bilden ...
Tolkien hätte sie nicht gebilligt, dessen bin ich mir sicher.

*~~~*

Heru im Dezember 2004, überarbeitet im Oktober 2005

Ich weiß, dass dieser Essay provokant ist und ich weiß, dass man mich konservativ schimpfen wird, aber ich hoffe, trotz allem ein paar Denkanstöße gegeben zu haben.
Und ja, ich weiß, dass ich die Welt nicht ändern kann (ebensowenig wie die Fanfictionszene), so sehr es mich auch manchmal in den Fingern juckt.

Andere Meinungen sind gerne gesehen! Mailt doch einfach an Heru.




1) Ich lasse mich gerne eines Besseren belehren, plädiere dann aber für das Sprichwort "Ausnahmen bestätigen die Regel".
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2) Über die einschlägigen englischen Begriffe decken wir jetzt mal den Mantel des Schweigens; nicht weniger komisch oder ordinär als im Deutschen, aber halt englisch ... und da sich englische Lieder auch immer besser anhören als deutsche, bei gleichem dürftigen Inhalt, klingt englischer Sex irgendwie ... ausgewogener.
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3) Ok, ok, gleichgeschlechtlichen mal ausgenommen, aber auch da müsste sich so etwas wie eine Hemmschwelle finden lassen. Ups, ich korrigiere mich. Ich vergaß die Male-Pregnant-Geschichten – schwangere Männer. *urg* Habe ich was von Hemmschwelle gesagt?
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4) Mit fällt momentan beim besten Willen kein Autor ein, der sich an der Materie versucht hat und der eine Korrektur des im folgenden Behaupteten liefern könnte.
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5) Und da Er und Sie anatomisch auf der Kehrseite halbwegs identisch sein sollten, sage ich jetzt mal aus eigener Erfahrung, dass mich der Gang aufs stille Örtchen nicht zu Begeisterungsstürmen hinreißt. (Achtung! Polemik)
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6) Oder bin ich im Oberstübchen nicht ganz richtig, wenn ich gewisse Schauspieler von Charisma und Charakter her anziehend finde und nicht als Objekte sexueller Begierde?
Na ja, vermutlich bin ich zu alt – und war in der Beziehung niemals jung - und mit einem absonderlichen Geschmack gesegnet. *g*
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7) Es ist übrigens bezeichnend, dass sich selbst in solch seriösen Dingen wie einem Wörterbuch die sexuelle Revolution bemerkbar macht. Vor ein paar Jahren noch war es undenkbar Slang- und Vulgärausdrücke dort hineinzupacken.
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8) Das Silmarillion, Klett-Cotta, Stuttgart 1993, Seite 249.
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