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Gollum


Die Jugend

Etwa im Jahre 2436 DZ wurde in einer Ansiedlung am Rande von Wilderland im Tal des Anduin ein Knabe geboren. Seine Familie war vermutlich mit den Hobbits verwandt und stammte von den „Starren“ ab, die diese Gegend um die Schwertelfelder eine Zeitlang bewohnten.
Der Knabe hatte das Glück, in eine große Familie von hohem Ansehen und nicht geringem Reichtum hineingeboren zu werden. Der Sippe stand eine weise Großmutter vor, voller Autorität und mit einem enormen Wissen über alte Überlieferungen.
Doch leider gestaltete sich sein Leben völlig anders, als bei diesen günstigen Voraussetzungen zu erahnen war. Die gesamte Tragik seines gescheiterten Daseins wurde erst sehr viel später deutlich.

Zunächst fiel an dem Knaben nur auf, dass er ziemlich unruhig und wissbegierig war. Er trachtete danach, den Sachen auf den Grund zu gehen. Doch mit der Zeit interessierten ihn nicht mehr die Dinge, die sich auf den Hügeln und Wiesen abspielten, sondern er richtete sein besonderes Augenmerk auf das, was im Wasser und unter der Erde verborgen war. Das machte ihn schon früh zum Außenseiter.

„Er tauchte in tiefe Teiche, wühlte unter Pflanzen und Bäumen, grub Stollen in grüne Anhöhen hinein; er kümmerte sich nicht mehr um die Hügelkuppen, das Laub an den Bäumen oder die Blüten, wenn sie sich dem Licht öffneten: Sein Kopf war vorgebeugt, sein Blick abwärts gerichtet.“
(J.R.R. Tolkien: Der Herr der Ringe, Bd.I, Die Gefährten, Klett-Cotta, Stuttgart 2001, S.79)

Der Knabe wurde „Tharald“ genannt, was in der Sprache der Starren soviel wie „graben, wühlen, sich einschleichen, sich hineinwinden“ bedeutet. Für das Westron fand Tolkien die altenglische Entsprechung „Smeagol“. Schon zu diesem Zeitpunkt war Smeagol in seiner Sippe reichlich unbeliebt. Er galt als skrupellos und tückisch.

Der Ringfund

Es muss um das Jahr 2463 DZ gewesen sein, als Smeagol mit einem anderen Hobbit seiner Sippe namens Deagol von einem Boot aus im Anduin an den Schwertelfeldern fischte.

(Anmerkung: In der Sekundärliteratur wird besagter Deagol als sein „Vetter“ bezeichnet, während --> Gandalf Frodo gegenüber von einem „Freund“ spricht: Bd.I, Die Gefährten.).

Deagol stürzte aus dem Boot, tauchte und fand im Schlamm des Flusses einen goldenen Ring, den Smeagol sofort für sich als Geburtstagsgeschenk beanspruchte. An diesem Tag wurde er 33 Jahre alt und damit „jährig“.
Weil Deagol ihm den Ring verweigerte, da er ihm schon ein Geschenk gegeben hatte, erwürgte er ihn und verbarg die Leiche so gut, dass sie niemals gefunden wurde.

Bald merkte er, dass der Ring ihn vor den Augen seiner Familie verbarg und dass er ihm eine gewisse Macht verlieh.
Nun konnte Smeagol es ihnen heimzahlen, dass sie ihn mieden und umherstießen: Unsichtbar bestahl und belauschte er oft die anderen und machte sich sein Wissen zunutze.
Seine Sinne schärften sich für alles, was anderen schaden konnte.
Wenn er auf seinen einsamen Streifzügen unterwegs war, brabbelte er vor sich hin und sprach mit sich selbst. Oft würgte er einen merkwürdigen, abstoßenden kehligen Laut hervor, der wie „Gollum“ klang. So erhielt Smeagol ziemlich bald den Namen „Gollum“, eine reine Lautmalerei ohne weitere Bedeutung.
Als sein Wesen und Treiben immer heimtückischer wurde, verwünschte ihn seine Familie, und auch seine Großmutter verstieß ihn, und er musste die heimatliche Siedlung verlassen.

Auf der Suche nach einem Obdach

Er streifte lange um her, ernährte sich von Aas und fing in dunklen Tümpeln Fische, die er roh verzehrte.
Er litt immer stärker unter dem Sonnenlicht, und er verabscheute sogar das Licht des Mondes.
Eines Tages kam Gollum an den Fuß der Nebelberge und bemerkte einen Bach, der in einiger Entfernung zwischen den Felsen verschwand. Er folgte diesem Wasserlauf, weil er sich unter dem Gebirge Dunkelheit und Kühle versprach.

„Es muss kühl und schattig sein unter diesen Bergen. Da könnte die Sonne mich nicht mehr anglotzen. Die Wurzeln dieser Berge müssen tatsächlich Wurzeln sein, und sicher liegen große Geheimnisse dort begraben, die seit allem Anbeginn niemand entdeckt hat.“
(Der Herr der Ringe, Bd.I, Die Gefährten, Klett-Cotta, Stuttgart 2001, S.80)

Als Gollum die Berge erreicht hatte, grub und wühlte er sich in das Erdreich, bis er in einer Höhle ankam, in der er fast 500 Jahre verbrachte.
In einem unterirdischen See mit eiskaltem Wasser lebte er auf einer winzigen Insel und paddelte manchmal mit einem kleinen Boot umher. Er ernährte sich von den blinden Fischen, die er mit der bloßen Hand fing, verschmähte aber auch umherstreifende Orks nicht, die er von hinten anfiel, erwürgte und fraß.

Der Einfluss des Ringes

Durch den Einfluss des Ringes veränderte sich Gollum schon, bevor er von seiner Familie davongejagt wurde, doch nach seinem Weggang wurde der Wandel noch offensichtlicher.
Sein Körper entstellte sich so, dass er nicht wiederzuerkennen war: Die Haut war haarlos und dunkel, er magerte ab, und sein Kopf glich einem Totenschädel.
Durch das Leben in der Dunkelheit traten seine Augen hervor, vergrößerten sich und schimmerten wie fahle Lichter. Sein Mund war bestückt mit langen, spitzen Zähnen, die ohne Mühe seine Beute zerreißen konnten.
Vermutlich passten sich auch Hände und Füße an das Leben im und am Wasser an, indem sich zwischen Fingern und Zehen Schwimmhäute bildeten.
Trotz deines ausgemergelten Körpers wohnte in ihm eine ungeheure Kraft, so dass er imstande war, ohne größere Mühe einen Ork zu erwürgen.

Der Ring verlieh Gollum ein unnatürlich langes Leben, das mitunter zur Qual werden musste, denn es wurde bestimmt von Einsamkeit und der Angst, seinen „Schatz“ zu verlieren.

„Alle ‚großen Geheimnisse’ unter dem Berge hatten sich als dunkle Leere erwiesen; es gab nichts mehr zu entdecken, nichts zu tun, das der Mühe wert gewesen wäre; nur widerlicher, verstohlener Fraß und wehleidiges Sicherinnern. Er war übel dran: Er hasste die Finsternis, und mehr noch hasste er das Licht. Er hasste alles und jedes, und am meisten hasste er den Ring.“
(Der Herr der Ringe, BD.I, Die Gefährten, Klett-Cotta, Stuttgart 2001, S.81)

Gollums ständiges „Mein Schatzzzzz“ bezog sich auf den Ring und auf sich selbst, wenn er seine Selbstgespräch führte. (Sein Sprachschatz litt in den Jahrhunderten der Einsamkeit merklich, und dass er das Sprechen nicht ganz und gar verlernte, ist wohl auf diese Eigenart, mit sich selbst zu reden, zurückzuführen.)
Er liebte und hasste den Ring, wie er sich selbst liebte und hasste. So äußerte sich Gandalf später zu Frodo.

Gollum wurde zu einer gespaltenen Persönlichkeit. Das zeigte sich schon sehr früh, denn er sprach von sich selbst meist in der 1. Person Plural.
So tobte in Gollum ein ständiger Kampf zwischen einem abgrundtief bösen Individuum und einem Wesen, das noch nicht alle positiven Werte verloren hatte. Doch meist siegte die böse Seite seiner Persönlichkeit.

Seine liebste Beschäftigung war es, mit dem Ring zu reden, ihn anzuschauen und ihn mit seinen fahlen Händen zu liebkosen. Hätte man ihn belauscht, so hätte man immer wieder dieses „Mein Schatzzzzz, mein Eigen“ hören können. Der Einfluss des Ringes war so groß, dass er zu einem Teil seiner Persönlichkeit wurde, und im Laufe der Zeit steigerte sich das bis zur Besessenheit.

Der Verlust des Ringes

Im Jahre 2941 DZ verirrte sich der Hobbit Bilbo Beutlin, der sich mit Zwergen auf einer Wanderung zum Einsamen Berg befand, in den Höhlen und Gängen der Nebelberge.
In der besagten Höhle fand Bilbo den Ring, den Gollum wohl für einen Moment aus den Augen gelassen hatte, und nahm ihn an sich, ohne seine wahre Bedeutung zu erahnen.
Mit einem Rätselspiel versuchte Gollum, den Ring wiederzubekommen und Bilbo danach zu töten, doch der Hobbit entwischte ihm, als er entdeckte, dass der Ring unsichtbar machte.
Unfreiwillig wies Gollum ihm den Weg nach draußen, und noch lange klangen Bilbo die verzweifelten Schreie der Kreatur in den Ohren.

Später sprach Gandalf zu Frodo davon, dass sich die Ereignisse so entwickeln mussten, denn der Ring besaß einen eigenen Willen, und er vernahm die Rufe seines erstarkenden Gebieters. Wäre er bei Gollum geblieben, wäre er für immer unter der Erde verschollen gewesen. Also suchte er sich einen neuen Träger, der ihn an die Oberfläche – und damit in die Nähe seines Herrn - brachte.

Gollums Suche nach dem Ring

Ungefähr zwei Jahre nach dem Verlust des Ringes wagte Gollum sich, trotz seiner Furcht vor den Orks, aus seinem unterirdischen Versteck in den Nebelbergen hinaus. Er wollte Bilbo, der ihm unvorsichtigerweise seinen Namen verraten hatte, suchen und ihm den Ring wieder abnehmen. Er hasste Bilbo aus tiefstem Herzen, doch er wusste nicht recht, wo er suchen sollte, denn die Lage des Auenlandes war ihm gänzlich unbekannt.

Zunächst folgte Gollum Bilbos Fährte, der mit den Zwergen zum Erebor unterwegs war, um den Drachen Smaug zu töten. Er erreichte den Düsterwald und sogar die Städte Esgaroth und Thal.
Dort erfuhr er von den Ereignissen, indem er die Leute belauschte, denn alle kannten Bilbos Namen und wussten, wo seine Heimat war und dass er dorthin zurückgekehrt war.
Also machte er sich auf den Weg nach Westen, doch er zog nur bis zum Anduin und kehrte dann wieder in den Düsterwald zurück. Der Grund für seine Richtungsänderung ist unbekannt.

Gerüchte über ihn machten die Runde. Die Waldmenschen nannten ihn „Schreckgespenst“ und „Blutsäufer“, denn er ernährte sich von nestjungen Vögeln und kleinen Tieren. Man sprach sogar davon, dass er in Häuser einstieg und Babies aus ihren Wiegen stahl.

Gandalf vermutete schon seit Bilbos Abschiedsfest im Jahre 3001, dass der Ring der Eine ist und dass Gollum im Zusammenhang mit dem Ring eine Gefahr darstellte und noch eine Rolle spielen sollte. Er versuchte ihn zu fangen und fahndete nach ihm, aber lange ohne Erfolg.
Auch die Waldelben machten Jagd auf Gollum, doch konnten sie seiner nicht habhaft werden, denn am Westrand des Düsterwaldes verlor sich seine Spur. Er war nach Süden abgebogen.

Gefangenschaften

Die Suche nach dem Ring führte Gollum bis nach --> Mordor, wo er von --> Saurons Schergen gefangen und etwa 3010 DZ in Barad-dur eingekerkert wurde.
Gandalf vermutete, dass es der Einfluss des Ringes war, der nachwirkte, und dass Gollum deshalb nach Mordor gelangte.
Gollum wurde schwer gefoltert und verriet alles, was er über den Einen Ring wusste. Sauron erfuhr zwei Namen: „Beutlin“ und „Auenland“, und er erfuhr zum erstenmal, dass es ein Volk kleiner Leute gibt: Hobbits. Nun konnte er die --> Nazgul auf den Weg schicken.
3017 DZ wurde Gollum freigelassen. Vermutlich hatte Sauron ihm Versprechungen gemacht, sollte er sich an der Suche nach dem Ring beteiligen, oder er hatte ihm einen hinterhältigen Auftrag erteilt. Gollum sprach später zu Gandalf davon, dass er jetzt „mächtige, neue Freunde“ hätte.

Inzwischen hatte Gandalf, der nach wie vor auf der Suche nach Gollum war, seinen Freund --> Aragorn um Hilfe gebeten, der ihn tatsächlich nach mancherlei Gefahren fing.
Was Gollum all die Jahre getrieben hatte, wollte der nicht sagen, aber aus seinem Verhalten schloss Gandalf, dass er Schlimmes erlebt haben musste und dass er vermutlich in Mordor war.
Gollum wurde den Waldelben übergeben, die ihn bewachen sollten. Sie waren freundlich zu ihm, und so gelang ihm im Juni des Jahres 3018 DZ während eines Orkangriffs die Flucht. Sofort macht er sich wieder auf die Suche nach dem Ring und kehrt zurück zu den Nebelbergen. Es wird angenommen, dass er sich nach Moria flüchtete, doch ohne Hilfe nicht wieder hinauskam, als er endlich das Westtor gefunden hatte.

Auf der Spur der Ringgefährten

Ich habe in der Literatur nichts darüber gefunden, warum Gollum wissen konnte, wer der neue Ringträger war, so dass ich annehme, dass er die Anwesenheit des Ringes spürte, als er im Januar 3019 DZ ungesehen am Westtor von Moria auf die Gemeinschaft traf.
Von nun an begann er, den Ringgefährten nachzuschleichen.
Er folgte ihnen durch Moria bis zum Anduin und wurde (nach der Auflösung der Gemeinschaft) von Frodo und Sam in den Emyn Muil gestellt und gefangengenommen

Mordor

Gollum war dem Ring nun ganz nah, und er versprach, Frodo zu dienen und zu führen. Wahrscheinlich fürchtete er sich einerseits vor dem Ringträger, und andererseits hoffte er den Ring zurückzubekommen. Außerdem wollte er nicht, dass Sauron wieder in seinen Besitz kam.

Er führte Frodo und Sam durch die Totensümpfe, und am 6. März erreichten sie die Schlackehügel am Rand der Einöde vor dem Morannon.
Gollum führte sie nach Cirith Ungol, dem am wenigsten bewachten Zugang nach Mordor, denn ein Eindringen durch das Schwarze Tor war unmöglich.
Er kannte den geheimen Weg aus der Zeit nach seiner Gefangenschaft. Vermutlich hatte er Mordor auf diesem Weg verlassen.
Doch hier wachte Kankra, die Große Spinne, von deren Existenz die Gefährten nichts wussten, in ihrer Höhle
Während Frodo und Sam schliefen, schlich sich Gollum davon, um mit Kankra zu reden. Er versprach ihr die beiden als Beute und wollte sich später, wenn sie tot waren, den Ring holen.
Sein verräterischer Plan schlug fehl, und so blieb ihm nichts weiter übrig, als ihnen zu folgen.

Gollums Tod

Am 25. März 3019 DZ erreichten Frodo und Sam die Schicksalskluft des Orodruin. Gollum belauerte sie, und als Frodo noch zögerte, den Ring zu vernichten, sah er seine Chance gekommen: Er stürzte sich auf Frodo, der den Ring noch am Finger trug, und biss ihm Ring und Finger ab. Mit dem Ring stürzte er ins Feuer des Schicksalsberges und fand den Tod.


Auch hier - wie in der letzten Zeit so oft - geht mein Dank an Anarya. Du übertriffst Dich mit jeder Beschreibung ein bisschen mehr!

Literatur:

J.R.R. Tolkien: Der Herr der Ringe, Bd.I, Die Gefährten, Klett-Cotta, Stuttgart 2001

J.R.R. Tolkien: Der Herr der Ringe, Anhänge und Register, Klett-Cotta, Stuttgart 2002

J.R.R. Tolkien: Nachrichten aus Mittelerde, Klett-Cotta, Stuttgart 2002

Friedhelm Schneidewind: Das große Tolkien-Lexikon, Lexikon Imprint Verlag, Berlin 2001

Robert Foster: Das große Mittelerde-Lexikon, Bastei Lübbe, Bergisch Gladbach 2003

Wolfgang Krege: Handbuch der Weisen von Mittelerde, Klett-Cotta, Stuttgart 2001

David Day: Tolkien – Eine illustrierte Enzyklopädie, Otus Verlag, St.Gallen 2001





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