Tolkien
- Eine Biographie -

Geboren wurde John Ronald Reuel Tolkien am 3. Januar 1892 in Bloemfontein; damals Hauptstadt des Oranje-Freistaats, Südafrika. Seine Eltern waren Arthur Tolkien – Angestellter bei der Bank of Africa – und Mabel, geborene Suffield.
Tolkien hatte einen jüngeren Bruder, Hillary.
Im Frühjahr 1895 kehrte Mabel mit den beiden Kindern für einen Besuch bei ihrer Familie nach England zurück, Arthur wollte bald folgen, doch er erkrankte schwer und starb schließlich im Februar 1896 an den Folgen eines Blutsturzes. So war Mabel bereits mit sechsundzwanzig Jahren Witwe und die Kinder Halbwaisen.

Tolkien hatte kaum Erinnerungen an seinen Vater, und die wenigen ihm bewussten verblassten, da er in England im Familienverbund der Suffields lebte. Mabel entschloss sich allerdings schnell, ein eigenes Häuschen in Sarehole Mill bei Birmingham zu beziehen. In den folgenden Jahren wurden Umzüge bei den Tolkiens beinahe zur Gewohnheit.
1900 kam Ronald auf die König-Edwards-Schule in Birmingham. Anfangs von Lärm und Fülle schier erschlagen, gewöhnte er sich ein und fand Gefallen an der Schule. 1902, infolge eines Umzugs, wurden er und Hillary auf die St.-Phillips-Schule geschickt, aber schon 1903 konnte Ronald dank eines Stipendiums an seine alte Schule zurückkehren.

Im Frühjahr 1904 erkrankte Mabel an Diabetes und da zum damaligen Zeitpunkt eine Behandlung mit Insulin noch nicht möglich war, starb sie im November des selben Jahres. Mit zwölf Jahren wurden Ronald und sein Bruder Waisen. Sie kamen auf Initiative von Pater Francis Morgan, der sich als guter Freund der Familie erwies und von Mabel testamentarisch zum Vormund der beiden Jungen bestellt worden war, bei einer Tante unter. 1908 hieß es erneut umzuziehen, diesmal zu Mrs. Faulkner. Wieder hatte Pater Francis vermittelt.

Bei Mrs. Faulkner wohnte eine weitere Mieterin: Edith Bratt, ebenfalls Waise und einige Jahre älter als Tolkien. Ronald freundete sich mit Edith an und im Laufe der Zeit wurde aus der Freundschaft eine heimliche Liebe. Leider kam die Romanze schließlich Pater Francis zu Ohren, der viel Wert auf Tolkiens Ausbildung legte und der Liebelei nicht viel abgewinnen konnte. Er verbot Ronald jeglichen Umgang mit Edith, und der junge Mann fügte sich; auch wenn er still litt und Edith treu blieb.

Tolkien "verlegte" seine Freundschaften nun an die Schule. In einer reinen Jungmännergesellschaft fand er gute Freunde und intellektuelle Gefährten. Im Herbst 1911 begann sein erstes Semester am Exeter College in Oxford; Tolkien hatte bereits 1910 ein Stipendium erworben. In Oxford setzte er das fort, was er in Birmingham begonnen hatte: eine Männergesellschaft zu suchen.
Als Studienfach hatte Tolkien sich die klassische Philologie gewählt, aber er war nicht glücklich mit dieser Entscheidung; einzig die vergleichende Philologie weckte die Leidenschaft für Sprache in ihm. Nicht unschuldig daran war Joseph Wright, sein Professor, der sich aus eigener Kraft aus armen Verhältnissen emporgearbeitet hatte. Er forderte Tolkien endlich und der junge Mann war begeistert.

Privat fasste Ronald den Entschluss Edith wiederzusehen. Mit dem Tage seiner Volljährigkeit schrieb er ihr einen Brief und machte ihr einen indirekten Antrag. Doch Edith hatte sich – aus Dankbarkeit und ein wenig Zukunftsangst – mit einem anderen verlobt. Aber Ronald gab nicht auf; er wusste, dass Edith diese Verlobung lösen würde, wenn er sie persönlich darum bat. Und so war es auch.
Nun fehlte nur noch die Zustimmung von Pater Francis; und auch sie wurde glücklicherweise gewährt, so dass das Paar sich verloben konnte. Auf diesem Gebiet war nun alles im Lot, aber als Student hatte Tolkien zu wenig Elan gezeigt. Seine ersten Abschlussprüfungen fielen nicht so gut aus, wie sie hätten sein können. Man empfahl Tolkien aufgrund seiner spezifischen Interessen einen Wechsel des Studiengangs und damit der Schule. So kam Tolkien an die noch relativ junge Honour-School of English Language and Literature um Anglistik zu studieren.

Sein Verhältnis zu Edith wurde mit der Zeit durch die Tatsache belastet, dass sie nicht katholisch war. Für eine Heirat hätte sie konvertieren müssen, wozu sie auch durchaus bereit war, aber ihre "Familie" – die Leute, die sie nach ihrem Wegzug aus Birmingham aufgenommen hatten – machte ihr zu schaffen. Edith musste das Haus verlassen und zog mit ihrer Cousine Jenny Grove zusammen. Im Januar 1914 trat Edith zum Katholizismus über, die Verlobung mit Ronald wurde öffentlich.

Als der Erste Weltkrieg ausbrach, meldete sich auch Tolkien. Allerdings hatte er die Möglichkeit, zunächst sein Studium zu beenden. Im Juni 1915 bestand er seine Abschlussprüfung mit Auszeichnung.
Zu dieser Zeit begann er intensiver zu schreiben – Gedichte zumeist – und er vervollkommnete seine "Feensprache". Um sie herum begann er gedanklich das aufzubauen, was später einmal Mittelerde werden sollte. Doch bis dahin war es noch ein weiter Weg.

Nach Studienabschluss trat Tolkien den Militärdienst an. Gemäß seiner Vorliebe für Sprachen entschied er sich für die Aufgaben der Nachrichtenübermittlung. Bevor er nach Frankreich einberufen wurde heiratete er Edith, damit sie abgesichert sein würde, falls ihm im Krieg etwas zustoßen sollte. Die Trauung fand am 22. März 1916 statt. Kurz darauf musste Tolkien nach Frankreich. Das wirkliche Kriegsgeschehen erlebte er erstmals Mitte Juli.
Tolkien hatte das Glück, aus den Kämpfen immer unverletzt hervorzugehen – bis er Ende Oktober an einem Fieber erkrankte, das sich nicht besserte. Man schickte ihn zur Genesung nach England zurück. Während des ganzen Jahres 1917 kränkelte Tolkien und verbrachte die meiste Zeit in Hospitälern. So fand er Muße mit der Erschaffung der Welt zu beginnen, in der man seine "Feensprache" nutzte und die zugleich eine Mythologie für England werden sollte. Er schrieb am "Buch der Verschollenen Geschichten".

Am 16. November 1917 brachte Edith einen Sohn zur Welt.
Das letzte Kriegsjahr war dadurch gekennzeichnet, dass Tolkien zweimal versetzt wurde und wieder erkrankte. Als sich das Kriegsende anzuzeichnen begann, bemühte er sich um eine Stelle an seiner früheren Studienstätte, aber die Oxforder Universität konnte ihm nichts anbieten. Der Besuch bei einem ehemaligen Dozenten jedoch erwies sich als Glücksfall, denn durch ihn wurde Tolkien die Mitarbeit am New English Dictonary in Aussicht gestellt. Tolkien ließ sich nicht lange bitten.
Um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, gab Tolkien Privatunterricht und bald konnte sich die Familie die Miete für ein eigenes Häuschen leisten. Doch wie so oft in Tolkiens Leben stand wieder ein Umzug an, denn er hatte sich als Dozent an der Universität Leeds beworben und war – ein wenig überraschend – angenommen worden. Während Ronald schon in Leeds weilte gebar Edith im Oktober 1920 einen zweiten Sohn. Sie konnte ihrem Mann erst Anfang 1921 folgen.

In Leeds war Tolkiens Leben als Gelehrter ausgefüllt, aber dennoch fand er Zeit sich weiter mit seiner Mythologie zu beschäftigen; und das "Silmarillion" nahm Gestalt an. Tolkien war allerdings nie ganz zufrieden damit und so verbesserte und änderte er es immer aufs neue.
Ein Karrieresprung machte Tolkien 1924 zum Professor für englische Sprache und im November wurde der dritte Sohn geboren. Und noch einmal hieß es aus beruflichen Gründen umzuziehen, denn 1925 wurde Tolkien Professor in Oxford – und blieb es bis zu seiner Pensionierung 1959.

In Oxford lernte er C.S. Lewis kennen. Zwischen den beiden Männern entwickelte sich eine tiefe Freundschaft, die ihm Laufe der Jahre jedoch abkühlte. Aber an ihrem Beginn ergänzten sich Tolkien und Lewis intellektuell und menschlich vortrefflich.
Familiär herrschte zwischen Edith und Ronald in diesen ersten Jahren in Oxford eine seltsam ambivalente Situation. Die beiden liebten sich zweifellos und waren umeinander besorgt, aber dennoch war Edith des öfteren unglücklich über die Männerfreundschaften ihres Mannes, die Frauen gänzlich ausschlossen. Doch kleine und auch größere Querelen schadeten der Ehe nicht.

Tolkien betrieb das Schreiben nun recht intensiv, allerdings nicht konkret – so entstanden einerseits vergnügliche Kindergeschichten und Gedichte zu unterschiedlichen Themen; auf der anderen Seite schrieb er Fragmente seiner Mythologie, ohne zu einem großen Ganzen zu finden. Sein Aha-Erlebnis hatte er eines Tages, als er den schicksalsträchtigen Satz "In a hole in the ground there lived a hobbit" aufs Papier brachte. Tolkien schuf den "Hobbit", aber kurz bevor die Geschichte beendet war, hörte er auf. Erst auf Initiative des Londoner Verlages Allen & Unwin beendete Tolkien die Geschichte. Am 21. September 1937 erschien das Buch in England. Die Kritiken waren fast ausnahmslos positiv und der Stein kam endgültig ins Rollen, denn Stanley Unwin wies Tolkien darauf hin, dass die Leserschaft sicherlich begeistert mehr über die Hobbits wissen wolle.

Tolkien tat sich anfangs schwer mit einer "Fortsetzung", aber dann besann er sich auf seine Wurzeln, seinen Wunsch, eine Mythologie zu schreiben und "Der Herr der Ringe" nahm Gestalt an. Dennoch sollte es gut zwölf Jahre dauern, bis dieses Werk vollendet war und noch einmal weitere vier bis zur Veröffentlichung 1954/55, da Tolkien sich in "Verlagspolitik" übte, nur um arg ins Straucheln zu geraten und doch wieder bei Allen & Unwin zu landen.

"Der Herr der Ringe" polarisierte die Kritiker; aber die Leserschaft fand zunehmend Gefallen an diesem Epos. Zehn Jahre später – unter recht kuriosen vorausgegangenen Umständen – machte die us-amerikanische Studentenschaft aus der Geschichte einen Kult. Damit war der weltweite Erfolg nicht mehr aufzuhalten – und der Professor wurde davon doch ein wenig überrollt und betrachtete die Begeisterung um sein Buch und seine Person nicht eben mit Wohlwollen und einer guten Portion Irritation.

Seine letzten Jahre verbrachte Tolkien auf die ihm eigene, ruhige Art. Er war gewillt, dass "Silmarillion", welches noch immer der Veröffentlichung harrte, umzuschreiben, kam jedoch niemals richtig dazu; teils aus äußeren Umständen, teils, weil der innere Antrieb fehlte.
Am 29. November 1971 starb Edith.
Tolkien folgte ihr am 2. September 1973 für alle recht plötzlich nach zwei ausgefüllten und glücklichen, aber doch einsamen Jahren.

Edith Mary und John Ronald Reuel Tolkien liegen auf einem Friedhof in Wolvercote, einem Vorort Birminghams, begraben; vereint als Beren und Luthíen.


Heru im Dezember 2004

Meine Quelle für diese Zusammenfassung ist Humphrey Carpenters vorzügliche Tolkien-Biographie (Klett-Cotta, 3. Auflage, Stuttgart 2002), die auf häufig amüsante und gut lesbare Weise Tolkiens Leben und Schaffen beleuchtet und ihn uns als Mensch und Mythenschöpfer näherzubringen vermag.


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